So, in drei Tagen geht es nun endlich los. Am Freitagmorgen steigen wir ins Flugzeug nach Delhi. Ich kann es kaum erwarten. Ich brauche Urlaub. Gaaaaanz dringend!
Dabei ist mir gerade eingefallen, dass ich auf meinem Computer noch einen Text über Kolumbien schlummern hatte, den ich eigentlich schon seit letzten Herbst fertig schreiben wollte, aber nie dazu gekommen bin. Nun, fertig wird er nun auch nicht mehr werden, aber wegschmeissen will ich ihn auch nicht, deshalb hier noch ein letzter Nachklang unseres vergangenen Urlaubs, bevor der neue zur Sprache kommt:
Um das Kapitel Kolumbien abzuschliessen… hier noch eine kleine Beschreibung unserer Reise.
Die ersten Tage verbrachten wir in Bogota damit Freunde, Bekannte sowie Verwandte auf- und heimzusuchen, und uns gezwungenermassen die Bäuche vollzuschlagen. July (die Schwester meines Schatzes) und ihr Zukünftiger, Maurice (auch der Joker genannt), waren allerdings sehr mit den Hochzeitsvorbereitungen beschäftigt, so dass wir doch ein paar Gelegenheiten hatten zu entkommen und die Stadt auf eigene Faust zu erkunden, durch Geschäfte zu stöbern, uns in den wahnwitzigen Verkehr zu werfen (der den Herrn an meiner Seite fast um den Verstand brachte und schwören lies, dass er niemals mehr in dieser Stadt leben könnte), Buseta zu fahren…
Seltsamerweise passte ich mich dieses Mal sofort an die neue Tageszeit an, von Jetlag keine Spur. Schatz erwischte es dafür umso heftiger. Na ja, er hatte auch die ganze Flugreise geschlafen, etwas, das man bei so einer Zeitverschiebung bei der man ganze sieben Stunden gewinnt, wirklich nicht tun sollte!
Gleich am Samstagabend entführte uns die Bande zu gross gewordener daueralkoholisierter Kinder (Schulfreunde meines Schatzes und alles Papi-Mami-Bübchen von denen keiner einen ordentlichen Job hat da die Eltern alle gut situiert sind) wie befürchtet geplant ins Andres Carne de Res (für Fotos auf das Boot klicken und dann auf das Herz “Paseo virtual”, da kann dann auf dem Plan der Bereich ausgewählt werden, den man sehen will)
Das ist ein in einer grossen alten Bretterbude untergebrachtes riesiges nächtliches Vergnügungslokal und der angesagteste Ort in Bogota überhaupt. Es wird gebrutzelt und gebraten, man kann an langen Holztischen superleckere Sachen essen und danach gleich dazwischen Tanzen. Alkohol fliesst in Strömen (hier bestellt man den Rum / Vodka / whatever in Flaschen, nicht in Gläsern). Es ist brechend voll und sowohl bei den jungen Hüpfern als auch älteren Generationen beliebt, die Musik ist Salsa, Merengue, Bachata, Vallenato etc. Da können alle Kolumbianer blind mitgrölen.
Gott sei Dank sind in Kolumbien die nächtlichen Ausgehzeiten etwas humaner als in Spanien. Man fäng um ca. 22:00 Uhr an zu tanzen und um 2-3 Uhr in der Früh ist Schluss (länger würde man diesen Alkoholkonsum auch gar nicht durchhalten, denke ich). Ich hielt mich jedenfalls wie immer tapfer und machte nach einem Mojito (Sandeimergrösse) Schluss, aber Schatz musste sich natürlich vor seinen Freunden beweisen und zeigen, dass er noch immer konnte. Was dazu führte dass er den grössten Teil des nächsten Tages im Bett und über der Kloschüssel verbrachte, sich bei Gott und allen Heiligen bedankend, dass er nach Europa ausgewandert, aus dem Einflusskreis seiner Kumpane ausgeschieden war und nicht jedes Wochenende so verbrachte.
Nachdem am Montag schliesslich meine Schwester (die Tierärztin) ankam, machten wir etwas Sightseeing, was in Bogota natürlich so Dinge wie die Plaza de Bolivar (der wichtigste Platz in der historischen Altstadt), la Candelaria (das alte Viertel), la Casa del Florero (dort wurde der Anstoss für die Kolumbianische Unabhängigkeit gegeben), la Casa de Bolivar (den Befreier vieler Südamerikanischer Staaten von der Spanischen Herrschaft), den Palast des Präsidenten, das Museo Botero (das dieses mal aber leider geschlossen hatte) und Montserrate einschliesst.
Montserrate ist einer der Berge die Bogota auf zwei Seiten umschliessen. Man kann mit einer Seilbahn oder einer Bergbahn hinauffahren. Oben ist eine Wallfahrtskirche zu der ständig Menschen pilgern. Früher war wohl auch alles voller Votivtafeln und Opfer wie Prothesen, Krücken etc. das wurde aber alles entfernt und nun gibt es nur noch einen Gang der ganz mit Steintafeln bedeckt ist, auf denen die Bittenden oder Dankenden ihre Nachricht hinterlassen können.
Es war eisig kalt und regnete schon den ganzen Tag, so dass wir uns schliesslich in eines der zwei berühmten Restaurants im Kolonialstil zurückzogen, von dem aus man einen ganz unglaublichen Ausblick über die Riesenstadt hat. Sie scheint sich wie zähflüssiger Schlamm oder Magma immer weiter in die Täler und Hügel auszubreiten,
Am Mittwoch nahmen wir dann ein Flugzeug nach Santa Marta. Das ist ein Ort der an der Karibikküste liegt, etwa 200 km östlich von Cartagena de Indias, ganz in der Nähe des Deltas des Magdalena Flusses und gleich neben dem Parque Tayrona mit seinem 4000 Meter hohen Gipfel der Sierra Nevada de Santa Barbara der direkt aus dem Meer herauswächst und immer verschneit ist. Ein seltsamer Anblick, wenn man auf Meereshöhe vor Hitze und Feuchtigkeit glaubt ganz einfach umzufallen und sich nie mehr weiterbewegen zu könnne.
Der Flug war recht spannend. Da es in Santa Marta gerade in Strömen regnete, konnte das Flugzeug nicht landen. Nasse Start-bzw. Landepisten sind No-go-areas für Flugzeuge in Kolumbien. Die kleinen Flughäfen haben nicht die geeignete Infrastruktur und bei oft kurzen Pisten sind Wasserpfützen ganz schön gefährlich. Der Pilot meinte wir würden noch gut eine halbe Stunde Runden drehen, und wenn sich dann nichts täte, würden wir auf den Flughafen von Baranquilla ausweichen.
Das Runden drehen an sich war bzgl. der Aussicht auf den Rio Magdalena die Wartezeit wert. Wir hatten ihn schon seit einer ganzen Weile verfolgen können, diese schlammig braune riesige breite Schlange die sich mit ihren tausenden Nebenarmen tief in das satte Grün des Jungels krallte, doch nun kam auch immer wieder das Delta in Sicht. So viel Wasser, unglaublich! Da sind der Rhein oder die Donau ein Rinnsal dagegen.
Leider sind so manche Kolumbianer unbelehrbar (weshalb mein Schatz immer wieder behauptet „por eso es que este pueblo se merecen su destino!“ – dass dieses Volk sich deshalb sein Schicksal ganz einfach verdient hat). Da kann der Pilot noch tausend mal sagen, die Handys sollen während dem Flug ausgeschalten werden, die Hälfte der Flugpassagiere hält sich nicht daran und ganz dreiste fingen auch noch an zu telefonieren, während wir über dem Gebiet von Santa Marta kreisten.
Bei sowas kann ich ja immer nicht an mich halten und muss solche Idioten darauf hinweisen, dass sie wenn sie schon lebensmüde sind, doch zumindest bitte alle anderen Passagiere des Flugzeuges aus dem Spiel lassen sollen. Es ist mir dabei schnurzegal wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Handysignal ein Flugzeug zum Absturz bringt. Ich bin mehrere Kilometer über dem Erdboden und da verstehe ich keinen Spass, nicht den geringsten! Die meisten Kolumbianer sahen mich nur verständnislos an und die wenigsten schalteten daraufhin ihr Handy aus oder machten zustimmende Kommentare. Woraufhin Schatz anfing überzukochen und sich in so eine erhitzte Diskusion mit dem gewissenlosen Telefonierer verstrickte, dass mir Angst und Bange wurde. Der Typ sah aus wie ein Mafioso und zum Schluss würde der noch einen Rachetrupp auf uns hetzen, sobald wir wieder auf dem Boden waren.
Aber wie durch ein Wunder landeten wir schliesslich gesund und sicher in Santa Marta. Kaum hatten wir das Flugzeug verlassen, empfing uns eine Schwüle die uns nicht nur sofort den Schweiss aus allen Poren sondern auch das Blut in den Kopf und die Fingerspitzen trieb. Wir taumelten nach draussen um uns ein Taxi zu suchen, dass uns nach Taganga (einem kleinen Fischerort schon fast im Parque Tayrona) bringen sollte.
Die Luft war voller Zikadengeschrei und ich meine hier nicht so niedliche Grillen. Wenn diese karibischen Zikaden mal so richtig loslegen, ist das ein ganz unglaublicher Lärm. Am Anfang dachte ich das wären schreiende Affen, ungelogen!
Hier war das Leben viel einfacher als in Bogota, schon auf der Hinfahrt durchquerten wir Viertel aus Bretterbuden, an strahlende Firmengebäude und florierende Industrien war gar nicht zu denken. Aber wenn man einmal ein paar Tage in diesem Klima verbracht hat, versteht man das auch vollkommen. Bei dieser Hitze und Feuchtigkeit ist es einfach gar nicht möglich zu arbeiten.
In Taganga hatten wir uns in einer Jugendherberge – La casa de Felipe – eingemietet die am Ende eines ungeteerten Weges etwas höher in den Hügeln die die Bucht von Taganga umfangen gelegen ist. Funktionell und sauber, allerdings wären Mückennetze an den Fenstern wünschenswert. Wir hatten ein Dreibettzimmer und ein eigenes Bad. Frühstück wurde angeboten, im Hof unter dichten grünen Mangobäumen hingen Hängematten zum relaxen. Jedem der auch ohne grossen Luxus seinen Urlaub geniesen kann, würde ich sie vorbehaltlos empfehlen. Die Gäste sind junge Leute aus aller Welt und vor allem viele Israelis. Am Anfang als wir durch das Dorf wanderten, wunderte ich mich, dass alle Schilder ausser in Spanisch auch auf Hebräisch verfasst waren. Einheimische klärten uns auf, dass Israelis die grösste Anzahl Touristen ausmachten und deshalb bereiteten sich selbst die winzigen Strassenverkäufer darauf vor. Ehrlich gesagt, erstaunte mich das etwas. Warum gerade Taganga? Warum interessiert sich der durchschnittliche israelische Jugendliche für ein Fischerkaff mit zwei Strassen irgendwo im Urwald an der kolumbianischen Küste? – Drogen, sagten die Einheimischen, die geben sich da den ultimativen Kick und probieren alles was zu haben ist. Hier darf man noch Hippie sein. Ein anderer flüsterte irgendwas von Waffenhandel etc., aber das will ich nicht so ganz glauben, da scheint mir die Hippietheorie doch wahrscheinlicher.
Taganga (Schwesterherz meinte, das klingt afrikanisch) ist schwer zu beschreiben. Unendlich viel Vegetation, grün wohin man blickt, bunte Farben und eine unglaubliche Relaxtheit.
Am ersten Tag zog es uns aufs Meer hinaus. Schatz hat ja den Open Waters aber ich … na ja, ich habe zwar schon öfters mal getaucht, aber keinen Schein oder sowas. Jedenfalls wagte ich mich trotzdem ca. 10 Meter unter die Wasseroberfläche, es ist immer wieder ein seltsames aber gleichzeitig auch berauschendes Gefühl sich plötzlich so vieldimensional bewegen zu können. Ein riesiges Aquarium ist das, nur mit Fischen die viel viel grösser sind und so bunt und so zutraulich. Sogar einen Stachelrochen habe ich gesehen, unten auf dem Meeresgrund, halb in den Sand eingewühlt. Meine Führerin und ich wagten uns nicht nah dran (ich bin doch nicht lebensmüde!) aber Schatz der eine etwas ausgefeilteren Tauchgang machte, erzählte nacher, dass er dem Meeresungeheuer ebenfalls begegnet wäre und dass sein Führer sogar eine Hand unter dessen Bauch beschoben hätte. Was bin ich froh, dass ich da nicht dabei war! Ich wäre vor Angst tausend Tode gestorben. Männer!
Schwesterherz zog es vor im Boot zu bleiben und mit dem Bootsführer zu flirten?!
Den zweiten Tag widmeten wir einer Wanderung durch den Parque Tayrona. Das bedeutete um 5 aufstehen. Um 6 holte uns unser Führer ab und eine Stunde später schnauften wir schon bergauf. Ich sag bloss 8 Uhr morgens und man hat schon das Gefühl man befände sich in einer Dampfsauna. Nach zehn Minuten waren wir vollkomen nassgeschwitzt. Wir liefen Stundenlang durch wuchernde wilde Wälder, sahen giftige Frösche, riesige Schmetterlinge und fliegende Heuschrecken so lang wie meine Hand, da duckt man sich freiwillig, das kann ich euch sagen, wenn so ein Teil angeknattert kommt. Irgendwann kamen wir an eine alte Indio-Siedlung, Pueblito, unglaubliche wenn auch im Vergleich zu den Mayas und Inkas wahrscheinlich einfache Konstruktionen. Strassen, Treppen, alles natürlich in Ruinen, aber man konnte sich den einstmaligen Glanz des Ortes durchaus vorstellen. Dort lebt auch noch eine Indio-Familie die von der kolumbianschen Regierung dafür bezahlt wird das ganze in Stand zu halten. Danach machten wir uns auf den Weg hinunter zum Meer. Er war vollkommen mit Steinen gepflastert, es gab Treppen, Brücken, alles halb verfallen, manchmal mussten wir schon abenteuerliche Klettermanöver hinlegen um so Unenbenheiten zu überwinden, aber es gibt doch zu denken, zu was diese Zivilisation, die von den Spaniern zumindest in Kolumbien fast vollkommen ausgerottet wurde alles konnte, wie fortschrittlich sie war.
Nun ja, auf diesem stundenlangen Weg hinunter zum Meer zerstörte Schatz jedenfalls Kamera Nummer Eins. Womit hier die digital verfügbaren Bilder aprupt aussetzten und das ist wirklich eine Schande, denn die Strände an die wir nach der Klettertour gelangten waren atemberaubend. Absolut genau so wie man sie von diesen Kalenderbildern paradisischer Lagunen kennt. Weisser Strand. Kristallklares blaues Meer. Kokospalmen die sich lang und hoch über den unberührten Sand beugen und Schatten spenden. Hätten wir nur mehr Zeit gehabt! Aber wir mussten weiter, wanderten jetzt an der Küste entlang, an immer neuen jungfräulichen Stränden vorbei. Irgendwo war ein winziger Campingplatz, aber er störte nicht. Es war nun so um 3 Uhr Nachmittags, die Hitze erdrückend. Und ich kann ja mit Hitze ganz schlecht umgehen. Als wir endlich an den Touristeneinrichtungen, Restaurant etc. ankamen, wo wir Mittag essen sollten, war mir schlecht, ich war obwohl ich auf dem Weg ganze 2 Liter getrunken hatte, vollkommen ausgetrocknet, wollte mich bloss noch in den Schatten legen und schlafen. Das tat ich schliesslich auch und war als wir eine Stunde später weiterwanderten erstaunlicherweise wieder vollkommen fit, dabei hatte ich schon schlimmes befürchtet. Wir machten uns also schliesslich auf dem Weg zu dem Punkt wo das Auto uns wieder abholen würde. Es war schon fast sechs als wir dort ankamen und wurde schon dunkel. Wir waren alle drei vollkommen erschöpft und wollten nur noch zurück ins Hostal, während sich der Fahrer und unsere Führer damit vergnügten Kokosnüsse zu sammeln.