Ich stolperte nur mit Pantoffeln an meinen Füßen durch den Dreck. Die vergangenen Tage hatte es geregnet und der Waldboden war vollkommen aufgeweicht.
Das konnte nicht passiert sein! Nicht mir!
Als ich Wolfgangs Auto vor unserem Wohnblock gesehen hatte, war ich in plötzlicher Panik einfach losgelaufen. Wo ich hinrennen wollte, das hatte ich eigentlich gar nicht so genau gewusst, doch dann war hinter der letzten Häuserreihe unserer Wohnsiedlung der Wald in Sicht gekommen und ich hatte ein Ziel gehabt.
Jetzt glitschten meine Füße über nasses Moos, ich rutschte über spiegelglatte Wurzeln, hielt mich an rauen Baumstämmen fest, schürfte mir an ihrer harten Rinde die Handballen auf, griff in niedriges stacheliges Gebüsch.
Endlich war ich vollkommen außer Atem und blieb mit zitternden Beinen stehen. Über mir, in dem Dach aus gerade knospenden Zweigen und Ästen, stritten sich ein paar Vögel. Eine leichte Windbrise fuhr ins Gebüsch und kühlte meine glühenden Wangen, trug den beruhigenden Duft von moosiger, feuchter Erde und den braunen Blättern des letzten Herbstes heran, die sich langsam wieder in Boden verwandelten. Zum ersten Mal seit meiner überstürzten Flucht nahm ich auch das Meer aus zart weißen Buschwindröschen, edel lilanen Leberblümchen und creme- bis tiefgelben Schlüsselblumen wahr, das den Boden überzog und davon erzählte, dass die schlimme Zeit, dass der Winter vorbei war.
Von wegen! Gar nichts war vorbei! Meine Situation wurde mit jedem Tag, mit jeder Sekunde schrecklicher!
Ich stellte fest, dass ich die Papiertüte mit den Brötchen, die ich vom Bäcker gegenüber geholt hatte, noch immer fest an meine Brust drückte.
Was hatte ich bloß getan?
Was hatte ich mir nur dabei gedacht?
Es stimmte schon, dass Wolfgang und ich uns in letzter Zeit oft stritten. Ich hatte ihm ein ums andere mal vorgeworfen, dass er sich keine Zeit für mich nehmen würde, und er hatte sich im Gegenzug darüber beschwert, dass ich eh ständig nur rumnörgelte.
Jetzt im Morgenlicht betrachtet, musste ich mir eingestehen, dass wir wohl beide irgendwie Recht hatten.
Mich fröstelte plötzlich. Die Sonne stand noch tief und wärmte nicht, auch wenn ihre orangeroten Strahlen durch das Geflecht aus so gut wie laublosen Zweige drangen und die Frühlingsblumen am Boden, diese zarten pastellfarbenen Wesen, mit einem glitzernden Film benetzten. Schon als kleines Mädchen hatte ich es nicht über mich bringen können, sie zu pflücken, um meine Mutter wie andere Kinder mit einem kleinen Strauß zu erfreuen. Diese unschuldigen, verletzlichen Pflänzchen mussten beschützt werden. Ich hatte schon immer ein Herz für leblose Dinge gehabt, zwischenmenschliche Beziehungen machte ich dagegen ein ums andere Mal ohne mit der Wimper zu zucken kaputt.
Beate, meine beste Freundin, hatte mich ausgelacht, als ich ihr vor ein paar Wochen von meinen Sorgen erzählt hatte: „Kerstin, Süße, sowas nennt man gemeinhin Frühlingsgefühle. Mach dir keine Gedanken, das geht vorbei.“
Das geht vorbei. Aber ja!
Stefan hieß er, der Unglückselige. Er war einer meiner überwiegend männlichen Arbeitskollegen, und saß nun schon seit gut zweieinhalb Jahren mir schräg gegenüber, an dem Schreibtisch am Fenster. Er hatte mir schon vom ersten Moment an gefallen, das gebe ich gerne zu, da ist ja auch gar nichts verwerfliches dran. Auch nicht an der Tatsache, dass er die ganzen zweieinhalb Jahre lang keinen Hehl daraus gemacht hatte, was er für mich empfand.
„Ach Kerstin, wenn ich Sie sehe, scheint sofort die Sonne“, hatte er mich des öfteren zu begrüßen gewagt.
Ich hatte ihm zweieinhalb Jahre lang tapfer kumpelhaft die kalte Schulter gezeigt. Ich war doch verliebt in meinen Wolfgang und hätte ihn nie, – nie und nimmer!, gegen jemand anderen eingetauscht. Meinen süßen Wolfgang mit seinen braunen Haselnussaugen und den Grübchen, die sich in der Nähe seiner Mundwinkel formten, wenn er lächelte.
Aber irgendetwas war in den letzten Wochen passiert.
„Beziehungskrise nennt man das“, hatte mich Beate belehrt. „Das kommt in den besten Familien vor. Morgen wirst du schon darüber lachen.“
Beziehungskrise, Frühlingsgefühle, was auch immer. Bis ich mir dem ganzen so richtig bewusst geworden war, hatte ich schon angefangen hemmungslos mit Stefan zu flirten.
Inzwischen wusste ich natürlich auch warum. Dafür hätte ich nicht Beate zu fragen brauchen. Rächen hatte ich mich gewollt. An meinem süßen Wolfgang.
Wo bitteschön verbrachte er all diese Abende, all die Nächte, in denen er erst nach Mitternacht nach Hause getaumelt kam, in denen ich allein in unserer gemeinsamen Wohnung saß, auf ihn wartete, zu viel Schokolade aß, mir die schrecklichsten Dinge ausmalte: Er, im Bett mit einer anderen, nackt; er, im Auto mit einer anderen, zurückgeklappte Vordersitze; er, in einem schummrigen Restaurant mit einer anderen, die Hände auf ihren Oberschenkeln. Wie oft hatte ich mich in diese Gedanken so sehr hineingesteigert, dass ich ins Bad gehen musste, weil ich dachte, ich müsste mich übergeben?
Und gestern nun hatte sich die Gelegenheit geboten, nein, sie hatte sich nicht nur geboten, sondern sich schon Tage vorher direkt angebiedert.
Wolfgangs Hockeyverein hatte ein Spiel in Düsseldorf, was bedeutete, dass er das ganze Wochenende unterwegs sein würde, und Beate hatte sich natürlich schon seit Tage einen Spaß daraus gemacht, mich anzustacheln.
„Das ist die Chance!“, hatte sie mir immer wieder zugeflüstert. „Wir Frauen haben alles Recht der Welt uns zu vergnügen, die Männer tun das schließlich auch schon seit biblischen Zeiten.“
Sie hatte mich gepiekst und gepiesackt wie der Picador den Stier.
„Nimm ihn! Stefan wartet doch nur darauf! Wann wirst du schon noch einmal so eine Gelegenheit haben?“
Und ich? Ich verdammter Idiot hatte mich dazu überreden lassen am Freitagabend, kaum dass Wolfgang abgereist war, mit Stefan essen zu gehen.
Und dann war eines zum andern gekommen und wir hatten es in unserer, in Wolfgangs und meiner, Wohnung getan. ES!
So blöd kannst auch bloß du sein!, schalt ich mich ein ums andere mal, während die Sonne langsam höher stieg und wühlte meinen rechten Pantoffel in den Dreck. Wenn man fremdgeht, tut man das doch nicht bei sich zu Hause, deshalb heißt es ja auch FREMDgehen! Mensch Kerstin!
Nun, andererseits durfte ich mich nicht beklagen, die Nacht war heiß gewesen, ich hatte meinen Spaß gehabt und Stefan hatte sich als so liebenswürdig erwiesen, dass ich ihm schließlich vorgeschlagen hatte, – und das war von allen meinen bescheuerten Ideen die dümmste gewesen, ihn zum Frühstück einzuladen.
Nur schnell frische Semmeln vom Bäcker gegenüber hatte ich holen wollen.
Doch als ich mit dem warmen duftenden Gebäck wieder auf die Straße getreten war, hatte ich Wolfgangs Auto vor der Haustür gesehen.
Kurzschluss, Panik.
Die Tüte mit den Brötchen noch in der Hand war ich losgestürmt.
Und nun stand ich hier, in diesem dummen Wald. Über mir sangen, zwitscherten und jubilierten die Vögel und an meinen Füßen hatte ich nur die Pantoffeln.
Was sollte ich Wolfgang erzählen, wenn er mich, den halbnackten fremden Mann am Kragen gepackt, zur Rede stellen würde?
Hilfe, Einbrecher?
Hilfe, Sittenstrolch?
Natürlich würde ich Wolfgang sofort alles gestehen, auf die Knie würde ich fallen und ihn um Verzeihung bitten. Falls er überhaupt noch da wäre, wenn ich nach Hause käme.
„Hört auf zu singen, ihr blöden Viecher!“, brüllte ich in die Äste, aber die kleinen Schreihälse ließen sich nicht stören.
Natürlich tat es mir leid.
Wolfgang, Liebster! Du kannst dir gar nicht vorstellen wie sehr! Ich schmiegte mich an die inzwischen ausgekühlten Brötchen.
Gleichzeitig wünschte ich mir nichts sehnlicher, als dass Wolfgang seine Sachen gepackt hätte und schon gegangen wäre, ohne Gruß, ohne den stilgerechten Zettel auf dem Küchentisch. So dass ich ihm erst gar nicht gegenüberzutreten bräuchte.
Oh, ich hätte ihn so gerne um Verzeihung gebeten, jetzt, sofort, aber vielleicht hätte er mich nicht einmal ausreden lassen.
Etwas später steckte ich den Schlüssel in das Schloss unserer Wohnungstür und biss mir auf die Lippen. Ich war in einer Art Schockzustand, in dem ich weder zittern noch weinen konnte.
Von drinnen drang kein Geräusch. Ob Wolfgang wohl tatsächlich gegangen war?
Sein Auto stand aber noch unten.
Ob er Stefan erwürgt hatte und jetzt mit einem Messer in der Hand hinter der Tür auf mich wartete? Fest in das dicke Gewühl aus Jacken und Mänteln an der Garderobe gepresst?
Entschlossen stieß ich die Tür auf. Ich hatte das Schicksal herausgefordert, es hatte mir geantwortet, jetzt war nichts mehr zu machen.
„Kerstin?“, hörte ich jemanden aus der Küche rufen und erschrak so sehr, dass ich den Schlüssel fallen lies.
Es war Wolfgangs Stimme und sie klang fröhlich.
Das war kein gutes Zeichen.
Ich antwortete nicht, sondern taumelte in die Richtung aus der seine Stimme kam. Kalter Angstschweiß überzog meinen Rücken.
„Da bist du ja endlich!“ Wolfgang kam mir übers ganze Gesicht strahlend entgegen. „Überraschung!“, rief er dann und sprang mit ausgebreiteten Armen vor mir auf und ab wie ein schlechter Showmaster.
Meine Beine wurden schwach, aber ich hielt mich aufrecht, die inzwischen vollkommen verbeulte Brötchentüte fest an mich gedrückt.
„Wo warst du denn? Was ist denn mit dir?“, fragte Wolfgang erstaunt.
Wo war Stefan?
Hatte Wolfgang tatsächlich nichts bemerkt?
„Brötchen holen“, flüsterte ich und kam mir unendlich dämlich vor.
Wo zum Teufel war Stefan?
Was wurde hier gespielt?
„Na, nun komm schon!“ Wolfgang fasste mich an der Hand und zog mich lachend hinter sich her in die Küche.
Ich stolperte mehr, als dass ich ging, stellte fest, dass der flauschige Stoff meiner Pantoffeln vollkommen mit Dreck verkrustet war.
Irgendetwas stimmte hier nicht!
Auf dem Küchentisch schrie mir ein riesiger Strauß roter Rosen entgegen. Sie wirkten obszön im Vergleich zu den schüchternen Frühlingsblumen, die mich gerade eben noch umgeben hatten.
Ich wollte mich nur noch setzen.
„Ich habe eine Überraschung für dich!“ Wolfgang war noch immer ganz aufgeregt und ich begann zu begreifen, dass er tatsächlich nichts mitbekommen hatte.
Aber wo, verdammt, war dann Stefan?
Noch irgendwo hier versteckt?
Nein, unmöglich, das Leben schreibt keine so schlechten Filme.
Etwa abgehauen, während ich Brötchen holte?
Das Schwein!
„Nun stell doch mal die Tüte weg, und setzt dich hin!“
Ich ließ mir von Wolfgang die zerknautschte Papiertüte aus der Hand nehmen und setzte mich mechanisch auf den Stuhl, den er mir unter dem Tisch hervorgezogen hatte.
Das konnte alles gar nicht wahr sein! Plötzlich hätte ich am liebsten geweint.
„Kerstin!“ Wolfgang kramte in seiner Hosentasche und ich stellte fest wie nervös er war.
Und dann kniete er auch schon vor mir. Zwischen seinen Fingern sah ich etwas glitzern und Tränen schossen mir in die Augen. Ich schluchzte laut auf, als er die Worte aussprach:
„Willst du mich heiraten?“
März 8, 2008 at 11:48
Ich muss schon sagen, es gehört sehr viel dazu, mich sprachlos zu machen, mich zum schweigen zu bringen, aber diese Story, liebe Azahar, Kerstin, die hat es geschafft!
Donner und Kaschube, welch eine Granate!
Während ich gelesen habe, dachte ich, das Ende bereits zu kennen. In der Form, dass der letzte Absatz mit „…und dann erwachte ich aus meinem Traum…“, abschliesst.
An so ein Happy End hätte ich niemals zu wagen gedacht.
Hach, ich finde diese Love-Story einfach herzerquickend!
Ja, lass Deinen Tränchen ruhig freien Lauf. Es sind Freudentränen! Ganz bestimmt.
Da bleibt nur zu hoffen, dass Du auch pünktlich „Ja“ gesagt hast!
Einen lieben Gruß an Dich
Kvelli
März 10, 2008 at 7:39
Super!!
War das eine Schreibübung, ein Traum, oder gehört das zu dem Roman???
Fragen über Fragen!
Sensationell!!!
LG
Heidi
März 11, 2008 at 11:01
@ Kvelli
Danke für die Komplimente!
Es freut mich, dich für ein paar Minuten zum Schweigen gebracht zu haben
Ob ich auch pünktlich ja gesagt habe? Nun ja, natürlich!
Allerdings war der Heiratsantrag, der mir vor ein paar Jahren gemacht wurde, auch wesentlich romantischer. Aber darüber werde ich hier garantiert nichts erzählen! Du brauchst also gar nicht erst nachzufragen.
Bei Kersin wäre ich mir bzgl. des Ja-Sagens da allerdings nicht so sicher. Eine Fortsetzung, bzw. Schluss ist in Bearbeitung und ich bin noch am Überlegen.
@ Buchmaus
Es freut mich, dass es dir gefallen hat! Umso mehr, da ich weiss wie gut du selbst schreibst!!!
Das ganze war eine Schreibübung. Im „Schreibnest“ wurde die Aufgabe gestellt zum Thema Frühling eine Kurzgeschichte zu verfassen.
Zu Recht wurde deshalb an meinem Text bemängelt, dass er ja eigentlich gar keine Kurzgeschichte ist, denn der Spannungsbogen bricht mit dem offenen Ende plötzlich ab und es fehlt die Auflösung, der Schluss.
Ich bin gerade dabei noch einen Schluss zu schreiben und werde den dann natürlich auch hier noch anfügen.
März 11, 2008 at 2:04
Tja Azahar, dann mach die Geschichte einfach rund. Soll Kerstin doch eiskalt „Nein“ sagen. Es muss ja nicht immer ein Happy-End sein, das solch eine nette Geschichte abschliesst, obwohl es sicher viele erwarten.
Zum Dienstag diene ich Dir einen Gruß an
Kvelli
März 12, 2008 at 11:21
Ich muss sagen, ich wünsche mir gar keinen Schluss!
Bis zum Ende habe ich mich immer wieder gefragt: wen wird sie nehmen? Eine eindeutige Neigung zu einem der beiden ist ja eigentlich nicht festzustellen; die Heldin weiß anscheinend nicht so recht, welchen sie will …
Um ehrlich zu sein, ich habe schon damit gerechnet, dass sie bei ihrer Rückkehr die beiden Mannsbilder traulich vereint vorfinden wird, bei weiß Gott welcher Tätigkeit. (Kartenspielen? Fliesenlegen? Über Fußball diskutieren? Mit dem jeweiligen Auto prahlen?)
Das wirkliche Ende ist für mich das Entsetzlichste, was ich mir überhaupt vorstellen kann.
Schlimmer kann es echt nicht mehr kommen. Bitte so lassen!!!
Gruß vom schmollfisch Anna!
März 15, 2008 at 9:56
Es war richtig aufregend zu lesen, weil man gar nicht wußte was als nächstes passierte. *Beifall klatsche* Nein, diesen Schluß hatte ich auch nicht erwartet.
lg Netty
März 17, 2008 at 8:25
Ich weiß, es ist heute noch etwas zu früh dafür, aber da ich demnächst für ein paar Tage in den Urlaub verschwinde, doch schon mal …
März 17, 2008 at 8:26
Oh … mein Ostergruss-Bild taucht hier nicht auf! Na ja, dann halt einfach nur so FRÖHLICHE OSTERN ich dir wünsch.
März 27, 2008 at 7:31
@ Kvelli
nun, ich habe weitergeschrieben, aber eigentlich nicht das Gefühl, dass die Geschichte dadurch besser geworden ist, eher schlechter. Ich glaube ich werde da dem Rat von
@ Schmollfisch
folgen und den Schluss wieder streichen.
@ Netty
Danke! *Daumendrück* Bei dir ist es ja jetzt so weit, oder?!
@ Kunterbunter
die fröhlichen Ostern gelten auch ohne offizielles Grussbild
Auch dir alles Liebe!