Ich finde das einfach frustrierend.
Bei Ein Roman in einem Jahr soll man als Übungsaufgabe zu Kapitel 13 einen Text, der in der Vergangenheit spielt, schreiben.

Idee war sofort da:
Die Familien meiner Großeltern (mütterlicherseits) wurden ja aus dem Sudetenland vertrieben und allein das wäre wahrscheinlich schon Stoff genug für einen ganzen Roman.
Das Problem dabei ist nur, meinen Opa habe ich nie kennengelernt und meine Oma redete schon früher nicht gerne darüber. Dabei haben mich diese Geschichten schon als kleines Kind fasziniert.
Für eine Ausstellung in der Schule schaffte ich es ihr einmal den ganzen Verlauf der Vertreibung zumindest im groben zu entlocken, und habe ihn damals auch als Zeitzeugenbericht aufgeschrieben, aber das ist nun schon gute 15 Jahre her und wer weiß wo diese Aufzeichnungen geblieben sind. Erinnern kann ich mich an die Einzelheiten leider nicht mehr.

Versuche ich jetzt etwas darüber zu schreiben, sind da so große Lücken, dass ich nicht weiß, mit was ich sie füllen soll. Ich habe ein paar Stunden im Internet verbracht, aber so richtig brauchbares ist dabei nicht herausgekommen. Ausser dass mir jetzt endlich, nach so vielen Jahren das Grauen und der Schrecken, die die Menschen damals gefühlt haben mussten, so richtig bewusst geworden ist.

Ich weiß nicht, früher habe ich mir da nie so richtig Gedanken drüber gemacht. Die Verbrechen der Nazis wogen einfach schwerer. So schwer, dass alles andere gering genug erschien um unter den Tisch gewischt werden zu können.
Ist es aber nicht, obwohl uns die Medien das vorgaukeln wollen! Menschenrechtsverletzungen bleiben Menschenrechtsverletzungen, egal von welcher Kriegspartei sie begangen werden. Ebenso Misshandlungen, Morde, Folter oder Vergewaltigungen.
Ich kann jetzt endlich verstehen, warum meine Oma die Tschechen immer noch hasst. (Na ja, die Tschechen von damals, die heute können ja nichts dafür). Würde mir jemand alles wegnehmen, was ich habe, obwohl ich gar nichts getan habe, mich nicht einmal am Krieg beteiligt, nein, sogar gegen die Nazis gekämpft habe. Mich dann monatelang in einem Lager festhalten, mich Kälte, Hunger und Demütigungen aussetzen, mich wie Vieh von einem Ort zum anderen transportieren und mich dann irgendwo abladen, nur mit den Kleidern auf dem Leib, dann wüsste ich auch nicht, ob ich das irgendwann verzeihen könnte. Hinnehmen ja, es akzeptieren auch, aber es gutheissen? Niemals!

Ich kann auch verstehen, wie enttäuscht diese Leute sind, dass noch immer niemand über zumindest symbolische Wiedergutmachung spricht, oder dass z.B. das Gesetz, das besagt, dass Verbrechen an Deutschstämmigen, die in dem Zeitraum der Vertreibung geschahen, straffrei sind, in der heutigen tschechischen Republik noch immer gültig ist.

Aber lassen wir das.

Erst jetzt habe ich auch bewusst verstanden, dass ich tatsächlich in einer halb sudetendeutschen Umgebung aufgewachsen bin. All die Verwandten und Freunde meiner Familie, der süße Dialekt, den zumindest meine Oma noch spricht, die Ortsnamen, die sich so vertraut anhören, die ich nie hinterfragt habe, und bei denen es jetzt schwierig ist, sie überhaupt noch auf einer Landkarte zu lokalisieren. Die Bräuche, das was bei uns auf den Tisch kam – wir wurden eigentlich während unserer ganzen Schulzeit von meiner Oma versorgt, Mittagessen gabs immer bei ihr. Der Heimatbrief, den sie immer ganz versunken las und den ich wohl kein einziges Mal aufgeschlagen habe.
Tja, und jetzt ist meine Oma alt und krank, alle anderen nahen Verwandten sind schon tot, oder mir zumindest sehr wenig bekannt, wer kann jetzt noch erzählen? Wer die Geschichte, Traditionen, Rezepte weitertragen?
Von unseren Vorfahren aus der Familie meines Vaters wissen wir so viel, es gibt sogar einen recht guten Stammbaum. Die Familie meiner Mutter ist ein fast gänzlich weißes Blatt.

Ich glaube aus dem Übungstext wird nichts werden. Über etwas, das mir nicht so nahe steht, könnte ich auch etwas zusammenfantasieren, aber in diesem Fall ist das einfach nicht gut genug, würde es meiner Oma nicht gerecht werden.

Ganz abgesehen davon: Natürlich beteilige ich mich gerne an solchen Schreibübungen, aber manchmal ist das ganze so zeitaufwändig, dass ich vor die Entscheidung gestellt werde, mich in meiner doch kurz bemessenen Freizeit diesen Übungen zu widmen, oder meinen eigenen Schreibprojekten. Und ehrlich gesagt, siegen dann meistens meine eigenen Kinder.
Ich frage mich wie die anderen Teilnehmer das machen. Jedes mal in null komma nichts einen Text abliefern und dann auch noch eifrig alle anderen Beiträge kommentieren. Haben die sonst nichts zu tun? Sitzen die den ganzen Tag vor dem Computer? Haben die keinen Brötchenjob? Keine Familie? Keinen Partner? Kein Leben?
Natürlich ist die Schriftstellerei ein recht exklusives Hobby, das schnell alles andere in die Ecke drängt, darüber beklage ich mich auch gar nicht, nur frage ich mich manchmal, was ich falsch mache.
Na ja, vielleicht hätte ich einen reichen alten (sehr alten! so um die 90) Knacker heiraten sollen, der mich aushält und nicht mal mehr auf sexueller Ebene allzu anspruchsvoll ist ;-)