Ich weiss nicht mehr, wie sie auf das Thema kamen, – Sex-Shops -, aber es entwickelte sich eine heisse Diskussion, die fast perfekt die spanische Gesellschaft in ihren typischen Altersklassen wiederspiegelt.
Die illustre Diskussionsrunde, die sich auf den abgewetzten Stühlen um dreckige, weiss furnierte Tische versammelt hatte, bestand aus:
Altersklasse über 50:
Raucher und Engelbert (seit ca. 100 Jahren Sachbearbeiter im Lager II und glücklich dabei),
sowie Momo (aber die läuft eh absolut ausser Konkurrenz)
Altersklasse um die 40:
Der Nachbar (Leiter Lager I), der mir vorher noch schnell den neusten Klatsch aus unserem Viertel erzählen musste. Anscheinend hatte am Mittwochvormittag ein ganzes Polizeiaufgebot einen Kreditkartenfälschungsring ganz bei uns in der Nähe ausgehoben.
Altersklasse 30 – 40:
Charly (Quali-Täter)
Schmalzlocke (Leiter Lager II)
Die seltsame Kleine
Altersklasse 20 – 25:
Das Keks
Der Raucher und Engelbert begannen zu behaupten, sie hätten noch nie ein derartiges Etablissement betreten und gedächten auch nicht das jemals zu tun, denn es wäre ihnen peinlich, dabei gesehen zu werden, und am besten noch dann, wenn sie mit einer Plastiktüte mit kompromittierendem Aufdruck! den Laden verlassen würden.
Sie mal einer an, der zarte Kern der Obermachos.
Charly und Schmalzlocke gingen sofort zum Gegenangriff über, indem sie alle Vorzüge eines derartigen Geschäfts priesen und das Warensortiment detailgetreu aufzählten. Die seltsame Kleine ihrerseits versuchte ihnen die Vorzüge von Liebeskugeln näherzubringen.
Der Nachbar schwieg, schüttelte den Kopf und kaute verwirrt an seinem Sandwich, das Keks gründelte mit hochroten Ohren in seiner Kaffeetasse und Momo lag, sich windend vor Lachen, irgendwo unter dem Tisch.
Engelbert hatte sich inzwischen hinter einer Mauer des Schweigens verschanzt und der Raucher, der seine Moralvorstellungen noch immer mit Händen und Füssen verteidigte, wurde von der Gruppe der 30-40 jährigen in die Zange genommen:
Nachdem doch heute Valentinstag wäre, sollte er seine Frau mit einem kleinen Spielzeug überraschen.
Der Raucher wand sich und gestand schliesslich, dass, wenn er ihr so etwas schenken würde, sie ihn ja für gar nichts mehr brauchen würde und sah sichtlich erschrocken ein, dass er somit seine letzte Daseinsberechtigung verlieren würde (seine Frau verdient genug Geld um sich selbst zu ernähren und schmeisst alleine den ganzen Haushalt, während er in seiner freien Zeit zusammen mit Kumpels in irgendeiner Bar abhängt und sich alles andere servieren lässt, vom Essen bis hin zu den gewaschenen Socken und gebügelten Hemden.).
Engelbert, der schon seit Minuten hörbar mit den Zähnen knirschte, explodierte in diesem Moment und erklärte, dass die Männer heutzutage ja alle Schwächlinge sein, damals als er noch jung war, hätten sie keine Imitate gebraucht um ihre Frauen zu befriedigen, dieses ganze Zeug gäbe es ja nur, weil ihr (er deutete anklagend auf die in der Runde versammelten Männer) heutzutage keinen mehr hochkriegt.
Der Saal kreischte vor Vergnügen. Irgendwo von den Kaffeeautomaten her, erschallte Applaus.
Ich hatte mich rausgehalten, wohlwissen, dass ich mit mindestens 50 % Wahrscheinlichkeit noch ein paar Jährchen als angesehene Respektperson in diesem Unternehmen abzusitzen habe.
Was hätte ich auch dazu sagen sollen? Dass es bei Beate Uhse in der münchner Fussgängerzone manchmal zugeht wie bei Karstadt im Sommerschlussverkauf, und nur so vor Menschen aller Altersklassen wimmelt?
Es muss dazu gesagt werden, dass Sex-Shops in Spanien wirklich meist so richtige Löcher sind, und wenn man dort mal (ausser den Verkäuferinnen) eine Frau antrifft, grenzt es an ein absolutes Wunder. Ist den Frauen aber nicht zu verdenken, bei den ganzen ausgehungerten Typen die da drin rumhängen, würde ich ohne männliche Begleitung auch keinen Fuss reinsetzen.
Obwohl, auch in Spanien tut sich was, in Valencia hat in der Fussgängerzone eine Filiale von Ann Summers aufgemacht, und da es dabei ja vorwiegend um Unterwäsche geht und alles andere gut im zweiten Stock versteckt ist, finden sich dort sehr viele junge Leute und vor allem Frauen ein.
Im grossen und ganzen bin ich sowieso der Überzeugung, dass das weibliche Geschlecht an solche Dinge viel entspannter rangeht, als die Männer.
Der Markt ist da, warum erobert ihn niemand?
Ich weiss, das tut jetzt nichts zur Sache, aber es fiel mir nur gerade so ein, weil diese ganze heuchlerische Moral hier in nicht unbedenklichem Ausmass mit der Kirche zu tun hat:
In Spanien muss ja sogar der sozialistische Präsident dem kirchlichen Vertreter im Vatikan die Füsse küssen und die Kirche wird allen Ernstes nach ihren Empfehlungen für die Wahlen dieses Jahr befragt, die dann tagelang in den Nachrichten ausgestrahlt werden. (Um die Gesellschaft zu verblöden?)
Nein, ich will dieses Thema wirklich nicht breit treten, es sei nur so viel gesagt: Ich hoffe, dass Mariano Rajoy (Kandidat der konservativen Partei und Kirchenliebling) die Wahlen gewinnt und dann kurz danach auffliegt, dass er einen Liebhaber hat. Hey, dass der Typ gay ist, sieht doch ein Blinder!