Momente


Ich kann das Wort KRISE wirklich nicht mehr hören! Egal ob man den Radio oder den Fernseher einschaltet, einen Blick auf die im Kiosk ausgelegten Zeitungen und Zeitschriften wirft oder sich ganz einfach nur in aller Ruhe mit ein paar Kollegen einen Kaffee in der Firmencafeteria gönnen will, überall bekommt man es um die Ohren und Augen geschmissen. So als ob etwas, das man bis zum Erbrechen wiederholt, dadurch besser oder anders würde.

Das nervt mich ja auch an der ganzen Sache mit Obama so. Vor ziemlich genau einem Jahr fingen hier in Spanien die Berichterstattungen über den Wahlkampf in den USA an. Als es dann elf Monate später endlich so weit war und die Wahlen stattfanden, war ich nahe dran mich von einer Brücke zu stürzen. Und jetzt geht das ganze natürlich erst recht munter weiter.

Mir scheint, viele Dinge gewinnen nur dadurch so viel Gewicht, dass sie künstlich aufgebauscht werden. Ist etwas in aller Munde, kann sich ihm niemand mehr entziehen. Egal ob jetzt die Krise oder die USA. Musste ich doch glatt letztens in den Fernsehnachrichten zu Obamas Amtsantritt hören, er wäre der Mann, der das Schicksal der Welt, nein, unser aller Schicksal von nun an bestimmen würde. Ich dachte ja, ich krieg mich nicht mehr.

Heute Mittag erzählte mir Paquiii!!!s Schwester (die jetzt den Posten am Empfang übernommen hat), sie hätte vor kurzem einen Artikel gelesen, der behauptete, dass unsere Wahrnehmungen und Erinnerungen nur zu 26% der Realität entsprechen. Unser Gehirn verändert jeden Sinneseindruck schon in dem Moment, in dem es ihn erhält, entsprechend vorheriger Erfahrungen und Erlebnisse, oder ganz einfach weil es damit nicht zufrieden ist.
Zu 74% leben wir also ein einer fiktiven Welt.

Ob das nun stimmt oder nicht, ich fand allein die Vorstellung hochinteressant.
Wir leben also rein theoretisch alle in einer Geschichte, einem Roman, einem Film, den wir uns selbst ausdenken und erschaffen. Nicht bewusst natürlich.
Demnach müsste der Kreativität der Menschen eigentlich keine Grenzen gesetzt sein. Jeder von uns ist ein kleiner Künstler.

Aber wenn meine Vorstellung von meinem Leben nun nicht real ist, wie sieht dann mein wirkliches Leben aus? Gibt es irgendeine Möglichkeit, dieses, mein echtes Leben in der Realität kennenzulernen?
Und will ich das überhaupt? Denn wenn mein aktuelles Leben nicht real ist, könnte das ja bedeuten, dass mein Leben in Wirklichkeit 74 mal schlechter ist, oder aber natürlich auch, dass es 74 mal besser ist. Im zweiten Fall wäre ich in meinem fiktiven Leben aber schon ein ganz elender Pessimist.

Wenn ich es mir genau überlege, könnte hinter dem ganzen tatsächlich ein wahrer Kern stecken. Wer ist schon objektiv? Wer verübt keine unnötige Selbstkritik. Wer nimmt sich selbst und seine Umgebung tatsächlich so wahr wie er/sie ist? Ohne Vorurteile?

Wollte man also sein reales Leben kennenlernen, müsste man seine Umwelt fragen. Doch leider ist deren Wahrnehmung auch zu 74% fiktiv.

So, jetzt muss ich mal ein bisschen Werbung machen. Ich bin nämlich noch immer ganz hin und weg.
Wenn ihr mal nach Belgien kommen solltet, müsst ihr unbedingt nach Antwerpen fahren und in diesem Geschäft vorbeischauen: Chocolatier Burie
Dort kann man nämlich nicht nur sehr leckere, hausgemachte Pralinen, sondern auch einen Schokoladenbrotaufstrich (Milchschokolade und Zartbitter) kaufen, der einfach himmlisch ist. Nicht so süss, klebrig und pappig wie das Zeug, das man im Supermarkt bekommt, sondern mit einem richtig zarter Schokoladengeschmack, von dem man nicht genug bekommen kann.
Ich wünschte, ich hätte nicht nur ein Töpfchen sondern mindestens zehn gekauft. Jetzt ist es leer und ich glaube, ich werde mich nie wieder an die normalen Nuss-Nougat-Cremes gewöhnen können.

So, in drei Tagen geht es nun endlich los. Am Freitagmorgen steigen wir ins Flugzeug nach Delhi. Ich kann es kaum erwarten. Ich brauche Urlaub. Gaaaaanz dringend!
Dabei ist mir gerade eingefallen, dass ich auf meinem Computer noch einen Text über Kolumbien schlummern hatte, den ich eigentlich schon seit letzten Herbst fertig schreiben wollte, aber nie dazu gekommen bin. Nun, fertig wird er nun auch nicht mehr werden, aber wegschmeissen will ich ihn auch nicht, deshalb hier noch ein letzter Nachklang unseres vergangenen Urlaubs, bevor der neue zur Sprache kommt:

Um das Kapitel Kolumbien abzuschliessen… hier noch eine kleine Beschreibung unserer Reise.
Die ersten Tage verbrachten wir in Bogota damit Freunde, Bekannte sowie Verwandte auf- und heimzusuchen, und uns gezwungenermassen die Bäuche vollzuschlagen. July (die Schwester meines Schatzes) und ihr Zukünftiger, Maurice (auch der Joker genannt), waren allerdings sehr mit den Hochzeitsvorbereitungen beschäftigt, so dass wir doch ein paar Gelegenheiten hatten zu entkommen und die Stadt auf eigene Faust zu erkunden, durch Geschäfte zu stöbern, uns in den wahnwitzigen Verkehr zu werfen (der den Herrn an meiner Seite fast um den Verstand brachte und schwören lies, dass er niemals mehr in dieser Stadt leben könnte), Buseta zu fahren…

Seltsamerweise passte ich mich dieses Mal sofort an die neue Tageszeit an, von Jetlag keine Spur. Schatz erwischte es dafür umso heftiger. Na ja, er hatte auch die ganze Flugreise geschlafen, etwas, das man bei so einer Zeitverschiebung bei der man ganze sieben Stunden gewinnt, wirklich nicht tun sollte!
Gleich am Samstagabend entführte uns die Bande zu gross gewordener daueralkoholisierter Kinder (Schulfreunde meines Schatzes und alles Papi-Mami-Bübchen von denen keiner einen ordentlichen Job hat da die Eltern alle gut situiert sind) wie befürchtet geplant ins Andres Carne de Res (für Fotos auf das Boot klicken und dann auf das Herz „Paseo virtual“, da kann dann auf dem Plan der Bereich ausgewählt werden, den man sehen will)
Das ist ein in einer grossen alten Bretterbude untergebrachtes riesiges nächtliches Vergnügungslokal und der angesagteste Ort in Bogota überhaupt. Es wird gebrutzelt und gebraten, man kann an langen Holztischen superleckere Sachen essen und danach gleich dazwischen Tanzen. Alkohol fliesst in Strömen (hier bestellt man den Rum / Vodka / whatever in Flaschen, nicht in Gläsern). Es ist brechend voll und sowohl bei den jungen Hüpfern als auch älteren Generationen beliebt, die Musik ist Salsa, Merengue, Bachata, Vallenato etc. Da können alle Kolumbianer blind mitgrölen.
Gott sei Dank sind in Kolumbien die nächtlichen Ausgehzeiten etwas humaner als in Spanien. Man fäng um ca. 22:00 Uhr an zu tanzen und um 2-3 Uhr in der Früh ist Schluss (länger würde man diesen Alkoholkonsum auch gar nicht durchhalten, denke ich). Ich hielt mich jedenfalls wie immer tapfer und machte nach einem Mojito (Sandeimergrösse) Schluss, aber Schatz musste sich natürlich vor seinen Freunden beweisen und zeigen, dass er noch immer konnte. Was dazu führte dass er den grössten Teil des nächsten Tages im Bett und über der Kloschüssel verbrachte, sich bei Gott und allen Heiligen bedankend, dass er nach Europa ausgewandert, aus dem Einflusskreis seiner Kumpane ausgeschieden war und nicht jedes Wochenende so verbrachte.

Nachdem am Montag schliesslich meine Schwester (die Tierärztin) ankam, machten wir etwas Sightseeing, was in Bogota natürlich so Dinge wie die Plaza de Bolivar (der wichtigste Platz in der historischen Altstadt), la Candelaria (das alte Viertel), la Casa del Florero (dort wurde der Anstoss für die Kolumbianische Unabhängigkeit gegeben), la Casa de Bolivar (den Befreier vieler Südamerikanischer Staaten von der Spanischen Herrschaft), den Palast des Präsidenten, das Museo Botero (das dieses mal aber leider geschlossen hatte) und Montserrate einschliesst.
Montserrate ist einer der Berge die Bogota auf zwei Seiten umschliessen. Man kann mit einer Seilbahn oder einer Bergbahn hinauffahren. Oben ist eine Wallfahrtskirche zu der ständig Menschen pilgern. Früher war wohl auch alles voller Votivtafeln und Opfer wie Prothesen, Krücken etc. das wurde aber alles entfernt und nun gibt es nur noch einen Gang der ganz mit Steintafeln bedeckt ist, auf denen die Bittenden oder Dankenden ihre Nachricht hinterlassen können.
Es war eisig kalt und regnete schon den ganzen Tag, so dass wir uns schliesslich in eines der zwei berühmten Restaurants im Kolonialstil zurückzogen, von dem aus man einen ganz unglaublichen Ausblick über die Riesenstadt hat. Sie scheint sich wie zähflüssiger Schlamm oder Magma immer weiter in die Täler und Hügel auszubreiten,

Am Mittwoch nahmen wir dann ein Flugzeug nach Santa Marta. Das ist ein Ort der an der Karibikküste liegt, etwa 200 km östlich von Cartagena de Indias, ganz in der Nähe des Deltas des Magdalena Flusses und gleich neben dem Parque Tayrona mit seinem 4000 Meter hohen Gipfel der Sierra Nevada de Santa Barbara der direkt aus dem Meer herauswächst und immer verschneit ist. Ein seltsamer Anblick, wenn man auf Meereshöhe vor Hitze und Feuchtigkeit glaubt ganz einfach umzufallen und sich nie mehr weiterbewegen zu könnne.
Der Flug war recht spannend. Da es in Santa Marta gerade in Strömen regnete, konnte das Flugzeug nicht landen. Nasse Start-bzw. Landepisten sind No-go-areas für Flugzeuge in Kolumbien. Die kleinen Flughäfen haben nicht die geeignete Infrastruktur und bei oft kurzen Pisten sind Wasserpfützen ganz schön gefährlich. Der Pilot meinte wir würden noch gut eine halbe Stunde Runden drehen, und wenn sich dann nichts täte, würden wir auf den Flughafen von Baranquilla ausweichen.
Das Runden drehen an sich war bzgl. der Aussicht auf den Rio Magdalena die Wartezeit wert. Wir hatten ihn schon seit einer ganzen Weile verfolgen können, diese schlammig braune riesige breite Schlange die sich mit ihren tausenden Nebenarmen tief in das satte Grün des Jungels krallte, doch nun kam auch immer wieder das Delta in Sicht. So viel Wasser, unglaublich! Da sind der Rhein oder die Donau ein Rinnsal dagegen.
Leider sind so manche Kolumbianer unbelehrbar (weshalb mein Schatz immer wieder behauptet „por eso es que este pueblo se merecen su destino!“ – dass dieses Volk sich deshalb sein Schicksal ganz einfach verdient hat). Da kann der Pilot noch tausend mal sagen, die Handys sollen während dem Flug ausgeschalten werden, die Hälfte der Flugpassagiere hält sich nicht daran und ganz dreiste fingen auch noch an zu telefonieren, während wir über dem Gebiet von Santa Marta kreisten.
Bei sowas kann ich ja immer nicht an mich halten und muss solche Idioten darauf hinweisen, dass sie wenn sie schon lebensmüde sind, doch zumindest bitte alle anderen Passagiere des Flugzeuges aus dem Spiel lassen sollen. Es ist mir dabei schnurzegal wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Handysignal ein Flugzeug zum Absturz bringt. Ich bin mehrere Kilometer über dem Erdboden und da verstehe ich keinen Spass, nicht den geringsten! Die meisten Kolumbianer sahen mich nur verständnislos an und die wenigsten schalteten daraufhin ihr Handy aus oder machten zustimmende Kommentare. Woraufhin Schatz anfing überzukochen und sich in so eine erhitzte Diskusion mit dem gewissenlosen Telefonierer verstrickte, dass mir Angst und Bange wurde. Der Typ sah aus wie ein Mafioso und zum Schluss würde der noch einen Rachetrupp auf uns hetzen, sobald wir wieder auf dem Boden waren.

Aber wie durch ein Wunder landeten wir schliesslich gesund und sicher in Santa Marta. Kaum hatten wir das Flugzeug verlassen, empfing uns eine Schwüle die uns nicht nur sofort den Schweiss aus allen Poren sondern auch das Blut in den Kopf und die Fingerspitzen trieb. Wir taumelten nach draussen um uns ein Taxi zu suchen, dass uns nach Taganga (einem kleinen Fischerort schon fast im Parque Tayrona) bringen sollte.
Die Luft war voller Zikadengeschrei und ich meine hier nicht so niedliche Grillen. Wenn diese karibischen Zikaden mal so richtig loslegen, ist das ein ganz unglaublicher Lärm. Am Anfang dachte ich das wären schreiende Affen, ungelogen!
Hier war das Leben viel einfacher als in Bogota, schon auf der Hinfahrt durchquerten wir Viertel aus Bretterbuden, an strahlende Firmengebäude und florierende Industrien war gar nicht zu denken. Aber wenn man einmal ein paar Tage in diesem Klima verbracht hat, versteht man das auch vollkommen. Bei dieser Hitze und Feuchtigkeit ist es einfach gar nicht möglich zu arbeiten.
In Taganga hatten wir uns in einer Jugendherberge – La casa de Felipe – eingemietet die am Ende eines ungeteerten Weges etwas höher in den Hügeln die die Bucht von Taganga umfangen gelegen ist. Funktionell und sauber, allerdings wären Mückennetze an den Fenstern wünschenswert. Wir hatten ein Dreibettzimmer und ein eigenes Bad. Frühstück wurde angeboten, im Hof unter dichten grünen Mangobäumen hingen Hängematten zum relaxen. Jedem der auch ohne grossen Luxus seinen Urlaub geniesen kann, würde ich sie vorbehaltlos empfehlen. Die Gäste sind junge Leute aus aller Welt und vor allem viele Israelis. Am Anfang als wir durch das Dorf wanderten, wunderte ich mich, dass alle Schilder ausser in Spanisch auch auf Hebräisch verfasst waren. Einheimische klärten uns auf, dass Israelis die grösste Anzahl Touristen ausmachten und deshalb bereiteten sich selbst die winzigen Strassenverkäufer darauf vor. Ehrlich gesagt, erstaunte mich das etwas. Warum gerade Taganga? Warum interessiert sich der durchschnittliche israelische Jugendliche für ein Fischerkaff mit zwei Strassen irgendwo im Urwald an der kolumbianischen Küste? – Drogen, sagten die Einheimischen, die geben sich da den ultimativen Kick und probieren alles was zu haben ist. Hier darf man noch Hippie sein. Ein anderer flüsterte irgendwas von Waffenhandel etc., aber das will ich nicht so ganz glauben, da scheint mir die Hippietheorie doch wahrscheinlicher.
Taganga (Schwesterherz meinte, das klingt afrikanisch) ist schwer zu beschreiben. Unendlich viel Vegetation, grün wohin man blickt, bunte Farben und eine unglaubliche Relaxtheit.

Am ersten Tag zog es uns aufs Meer hinaus. Schatz hat ja den Open Waters aber ich … na ja, ich habe zwar schon öfters mal getaucht, aber keinen Schein oder sowas. Jedenfalls wagte ich mich trotzdem ca. 10 Meter unter die Wasseroberfläche, es ist immer wieder ein seltsames aber gleichzeitig auch berauschendes Gefühl sich plötzlich so vieldimensional bewegen zu können. Ein riesiges Aquarium ist das, nur mit Fischen die viel viel grösser sind und so bunt und so zutraulich. Sogar einen Stachelrochen habe ich gesehen, unten auf dem Meeresgrund, halb in den Sand eingewühlt. Meine Führerin und ich wagten uns nicht nah dran (ich bin doch nicht lebensmüde!) aber Schatz der eine etwas ausgefeilteren Tauchgang machte, erzählte nacher, dass er dem Meeresungeheuer ebenfalls begegnet wäre und dass sein Führer sogar eine Hand unter dessen Bauch beschoben hätte. Was bin ich froh, dass ich da nicht dabei war! Ich wäre vor Angst tausend Tode gestorben. Männer!
Schwesterherz zog es vor im Boot zu bleiben und mit dem Bootsführer zu flirten?!

Den zweiten Tag widmeten wir einer Wanderung durch den Parque Tayrona. Das bedeutete um 5 aufstehen. Um 6 holte uns unser Führer ab und eine Stunde später schnauften wir schon bergauf. Ich sag bloss 8 Uhr morgens und man hat schon das Gefühl man befände sich in einer Dampfsauna. Nach zehn Minuten waren wir vollkomen nassgeschwitzt. Wir liefen Stundenlang durch wuchernde wilde Wälder, sahen giftige Frösche, riesige Schmetterlinge und fliegende Heuschrecken so lang wie meine Hand, da duckt man sich freiwillig, das kann ich euch sagen, wenn so ein Teil angeknattert kommt. Irgendwann kamen wir an eine alte Indio-Siedlung, Pueblito, unglaubliche wenn auch im Vergleich zu den Mayas und Inkas wahrscheinlich einfache Konstruktionen. Strassen, Treppen, alles natürlich in Ruinen, aber man konnte sich den einstmaligen Glanz des Ortes durchaus vorstellen. Dort lebt auch noch eine Indio-Familie die von der kolumbianschen Regierung dafür bezahlt wird das ganze in Stand zu halten. Danach machten wir uns auf den Weg hinunter zum Meer. Er war vollkommen mit Steinen gepflastert, es gab Treppen, Brücken, alles halb verfallen, manchmal mussten wir schon abenteuerliche Klettermanöver hinlegen um so Unenbenheiten zu überwinden, aber es gibt doch zu denken, zu was diese Zivilisation, die von den Spaniern zumindest in Kolumbien fast vollkommen ausgerottet wurde alles konnte, wie fortschrittlich sie war.
Nun ja, auf diesem stundenlangen Weg hinunter zum Meer zerstörte Schatz jedenfalls Kamera Nummer Eins. Womit hier die digital verfügbaren Bilder aprupt aussetzten und das ist wirklich eine Schande, denn die Strände an die wir nach der Klettertour gelangten waren atemberaubend. Absolut genau so wie man sie von diesen Kalenderbildern paradisischer Lagunen kennt. Weisser Strand. Kristallklares blaues Meer. Kokospalmen die sich lang und hoch über den unberührten Sand beugen und Schatten spenden. Hätten wir nur mehr Zeit gehabt! Aber wir mussten weiter, wanderten jetzt an der Küste entlang, an immer neuen jungfräulichen Stränden vorbei. Irgendwo war ein winziger Campingplatz, aber er störte nicht. Es war nun so um 3 Uhr Nachmittags, die Hitze erdrückend. Und ich kann ja mit Hitze ganz schlecht umgehen. Als wir endlich an den Touristeneinrichtungen, Restaurant etc. ankamen, wo wir Mittag essen sollten, war mir schlecht, ich war obwohl ich auf dem Weg ganze 2 Liter getrunken hatte, vollkommen ausgetrocknet, wollte mich bloss noch in den Schatten legen und schlafen. Das tat ich schliesslich auch und war als wir eine Stunde später weiterwanderten erstaunlicherweise wieder vollkommen fit, dabei hatte ich schon schlimmes befürchtet. Wir machten uns also schliesslich auf dem Weg zu dem Punkt wo das Auto uns wieder abholen würde. Es war schon fast sechs als wir dort ankamen und wurde schon dunkel. Wir waren alle drei vollkommen erschöpft und wollten nur noch zurück ins Hostal, während sich der Fahrer und unsere Führer damit vergnügten Kokosnüsse zu sammeln.

Ich finde das einfach frustrierend.
Bei Ein Roman in einem Jahr soll man als Übungsaufgabe zu Kapitel 13 einen Text, der in der Vergangenheit spielt, schreiben.

Idee war sofort da:
Die Familien meiner Großeltern (mütterlicherseits) wurden ja aus dem Sudetenland vertrieben und allein das wäre wahrscheinlich schon Stoff genug für einen ganzen Roman.
Das Problem dabei ist nur, meinen Opa habe ich nie kennengelernt und meine Oma redete schon früher nicht gerne darüber. Dabei haben mich diese Geschichten schon als kleines Kind fasziniert.
Für eine Ausstellung in der Schule schaffte ich es ihr einmal den ganzen Verlauf der Vertreibung zumindest im groben zu entlocken, und habe ihn damals auch als Zeitzeugenbericht aufgeschrieben, aber das ist nun schon gute 15 Jahre her und wer weiß wo diese Aufzeichnungen geblieben sind. Erinnern kann ich mich an die Einzelheiten leider nicht mehr.

Versuche ich jetzt etwas darüber zu schreiben, sind da so große Lücken, dass ich nicht weiß, mit was ich sie füllen soll. Ich habe ein paar Stunden im Internet verbracht, aber so richtig brauchbares ist dabei nicht herausgekommen. Ausser dass mir jetzt endlich, nach so vielen Jahren das Grauen und der Schrecken, die die Menschen damals gefühlt haben mussten, so richtig bewusst geworden ist.

Ich weiß nicht, früher habe ich mir da nie so richtig Gedanken drüber gemacht. Die Verbrechen der Nazis wogen einfach schwerer. So schwer, dass alles andere gering genug erschien um unter den Tisch gewischt werden zu können.
Ist es aber nicht, obwohl uns die Medien das vorgaukeln wollen! Menschenrechtsverletzungen bleiben Menschenrechtsverletzungen, egal von welcher Kriegspartei sie begangen werden. Ebenso Misshandlungen, Morde, Folter oder Vergewaltigungen.
Ich kann jetzt endlich verstehen, warum meine Oma die Tschechen immer noch hasst. (Na ja, die Tschechen von damals, die heute können ja nichts dafür). Würde mir jemand alles wegnehmen, was ich habe, obwohl ich gar nichts getan habe, mich nicht einmal am Krieg beteiligt, nein, sogar gegen die Nazis gekämpft habe. Mich dann monatelang in einem Lager festhalten, mich Kälte, Hunger und Demütigungen aussetzen, mich wie Vieh von einem Ort zum anderen transportieren und mich dann irgendwo abladen, nur mit den Kleidern auf dem Leib, dann wüsste ich auch nicht, ob ich das irgendwann verzeihen könnte. Hinnehmen ja, es akzeptieren auch, aber es gutheissen? Niemals!

Ich kann auch verstehen, wie enttäuscht diese Leute sind, dass noch immer niemand über zumindest symbolische Wiedergutmachung spricht, oder dass z.B. das Gesetz, das besagt, dass Verbrechen an Deutschstämmigen, die in dem Zeitraum der Vertreibung geschahen, straffrei sind, in der heutigen tschechischen Republik noch immer gültig ist.

Aber lassen wir das.

Erst jetzt habe ich auch bewusst verstanden, dass ich tatsächlich in einer halb sudetendeutschen Umgebung aufgewachsen bin. All die Verwandten und Freunde meiner Familie, der süße Dialekt, den zumindest meine Oma noch spricht, die Ortsnamen, die sich so vertraut anhören, die ich nie hinterfragt habe, und bei denen es jetzt schwierig ist, sie überhaupt noch auf einer Landkarte zu lokalisieren. Die Bräuche, das was bei uns auf den Tisch kam – wir wurden eigentlich während unserer ganzen Schulzeit von meiner Oma versorgt, Mittagessen gabs immer bei ihr. Der Heimatbrief, den sie immer ganz versunken las und den ich wohl kein einziges Mal aufgeschlagen habe.
Tja, und jetzt ist meine Oma alt und krank, alle anderen nahen Verwandten sind schon tot, oder mir zumindest sehr wenig bekannt, wer kann jetzt noch erzählen? Wer die Geschichte, Traditionen, Rezepte weitertragen?
Von unseren Vorfahren aus der Familie meines Vaters wissen wir so viel, es gibt sogar einen recht guten Stammbaum. Die Familie meiner Mutter ist ein fast gänzlich weißes Blatt.

Ich glaube aus dem Übungstext wird nichts werden. Über etwas, das mir nicht so nahe steht, könnte ich auch etwas zusammenfantasieren, aber in diesem Fall ist das einfach nicht gut genug, würde es meiner Oma nicht gerecht werden.

Ganz abgesehen davon: Natürlich beteilige ich mich gerne an solchen Schreibübungen, aber manchmal ist das ganze so zeitaufwändig, dass ich vor die Entscheidung gestellt werde, mich in meiner doch kurz bemessenen Freizeit diesen Übungen zu widmen, oder meinen eigenen Schreibprojekten. Und ehrlich gesagt, siegen dann meistens meine eigenen Kinder.
Ich frage mich wie die anderen Teilnehmer das machen. Jedes mal in null komma nichts einen Text abliefern und dann auch noch eifrig alle anderen Beiträge kommentieren. Haben die sonst nichts zu tun? Sitzen die den ganzen Tag vor dem Computer? Haben die keinen Brötchenjob? Keine Familie? Keinen Partner? Kein Leben?
Natürlich ist die Schriftstellerei ein recht exklusives Hobby, das schnell alles andere in die Ecke drängt, darüber beklage ich mich auch gar nicht, nur frage ich mich manchmal, was ich falsch mache.
Na ja, vielleicht hätte ich einen reichen alten (sehr alten! so um die 90) Knacker heiraten sollen, der mich aushält und nicht mal mehr auf sexueller Ebene allzu anspruchsvoll ist ;-)

Dass es damals schon Trailer gab :-D
Da merke ich mal wieder, wie alt ich bin. Ob die Kids heute sowas noch toll finden könnten?

Gestern hat mir Paquiii!!! ihren Familienschatz, wie sie es nennt, gezeigt.
Ein ganzer Stoss französischer und schweizer Postkarten aus den Jahren 1902 – 1910. Nein, keine Sammelstücke, sondern Postkarten die damals wirklich jemand geschrieben hat, die verschickt wurden und einen Empfänger hatten.
Die meisten davon sind von einem kleinen französischen Jungen, der an seine Eltern und an seine Grossmutter schreibt.
Das Kuriose daran ist, dass, wenn man nur den Text betrachtet, diese Postkarten genau so gut erst gestern von irgendeinem x-beliebigen Kind geschrieben worden sein könnten. Der Junge erzählt, was es zu essen gab, dass die Oma ihm Süssigkeiten gekauft hat, dass er mit seinen Freunden gespielt hat und wie toll es ist Ferien zu haben.
Gleichzeitig weiss man, dass dieser Junge inzwischen alle Lebensstadien durchgemacht hat, und selbst wenn er 100 Jahre alt geworden wäre, heute nicht mehr am Leben sein kann.
Das stimmt mich irgendwie nachdenklich, ich weiss auch nicht warum.

Die Welt mag sich in den letzten 100 Jahren verändert haben wie nie zuvor, die Menschen aber sind tief in ihrem Inneren die gleichen geblieben.
Vielleicht wiederholt sich die Geschichte deshalb ständig? Weil der Mensch nun mal Mensch bleibt, so sehr sich auch die Umwelt und die Werte wandeln? Vielleicht scheint deshalb niemand aus der Geschichte zu lernen, weil das Lernen ein Vorgang ist, der sich auf die Dauer eines Menschenlebens beschränkt, und jeder Mensch, der neu geboren wird, wieder mit dem gleichen Prozess anfangen muss, mit den selben angeborenen Reaktionen zu kämpfen hat, den gleichen Instinkten unterworfen ist?

Wird in 100 Jahren irgendjemand auch meine Postkartensammlung aufgehoben haben und sich genau die gleichen Fragen stellen?

Diese Woche war die Übungsaufgabe in „Ein Roman in einem Jahr“ folgende:

Man sollte den Satz „Ich will einen Roman schreiben, weil…“ vervollständigen.

Läppisch? Einfach? Nein, überhaupt nicht. Ich habe zum ersten Mal festgestellt, dass ich mir darüber noch nie Gedanken gemacht habe, ich habe einfach immer geschrieben, geschrieben und geschrieben, weil es mir Spass machte.

Warum will ich einen Roman schreiben? Oder müsste es eher heissen, einen Roman veröffentlichen? Denn, wenn es nur ums Schreiben ginge, dann bräuchte ich mir keine Gedanken darüber zu machen, ob ich das will, denn ich habe es ja schon x-mal getan.

Warum also? Ich glaube, ich will schreiben, weil es mir Spass macht, die Geschichten, die in meinem Kopf entstehen, Wirklichkeit werden zu lassen, die Personen, die darin vorkommen, zum Leben zu erwecken und jeden Tag besser kennenzulernen, bis sie zu guten Freunden geworden sind, so als würden sie tatsächlich existieren.

Ich schreibe, weil ich diese Geschichten anderen Menschen mitteilen möchte, sie daran teilhaben lassen will, ihnen genau so viel Freude bereiten will, wie mir schon seit ich denken kann die Romane und Geschichten anderer Autoren bereiten.

Bücher haben mich mein ganzes Leben lang begleitet, mich gelehrt zu träumen und die Träume in die Tat umzusetzen.
Genau so habe ich schon seit ich denken kann, selbst Geschichten erfunden und sie auch immer wieder niedergeschrieben. Bis jetzt nur aus Spass, aber irgendwann kommt der Zeitpunkt, wo das nicht mehr reicht.

Ja, ich bin süchtig nach Anerkennung! Ich muss mein Ego pflegen. Das haben Löwen so an sich. ;-)

 

Vor kurzem habe ich Michael getroffen und musste die kuriose Feststellung machen, dass es in meinem Leben schon drei wichtige Franzosen gegeben hat. Dabei habe ich im grossen und ganzen bis jetzt in meinen fast 30 Lebensjahren insgesammt kaum mehr als einen Monat in Frankreich verbracht.

Da ist mein lieber Freund Benoît der verrückt nach Whitney Houston ist und gerne eine Stimme hätte wie Freddy Mercury.

Und dann André. Uff, das war mal was. Ich lernte ihn bei meinem Auslandssemester in Manchester kennen. Eigentlich waren wir das ideale Paar: Er böser Junge, ich (zumindest nach aussen hin noch) braves Mädchen. Aber unsere Beziehung war schliesslich genau so heiss wie kurz und ich brauchte ziemlich lang um mich davon zu erholen. Jetzt nicht im negativen Sinne. Manche Personen vergisst man einfach nicht. Er hatte grosse braune Rehaugen und war wirklich extrem hübsch. Mein Schatz wird noch heute jedes Mal eifersüchtig wenn er ein Foto von ihm sieht. ;-) Aber das seltsamste war seine Stimme, die so überhaupt nicht zu seinem Aussehen passte. Tief und rauh, fast wie eine Berührung.

Ich hatte schon immer ein Schwäche für tiefe Männerstimmen. Als ich 16 war, fiel mir zum ersten mal eine CD von Leonard Cohen in die Hände und eine Zeitlang habe ich nichts anderes gehört. Nicht so unbedingt wegen der Musik, die habe ich erst viel später verstanden, sondern wegen seiner Stimme. In diesem Alter durfte man noch verrückt sein. Man hat zwar nicht viel verstanden, aber man durfte verrückt sein.

Könnte ich heute überhaupt noch auf die Weise wie damals für eine andere Person schwärmen? Egal ob Schauspieler, Sänger… Ihr meine ganze Liebe zu Füssen legen, obwohl mir eigentlich vollkommen klar sein sollte, dass meine Liebe niemals erwiedert werden wird. Niemals! Würde ich das überhaupt wollen? Nein, ich glaube nicht. Da ist mir die Realität doch tausend mal lieber. ;-)