(Roman)

Zusammenfassung:

Stell dir vor, du hast deine Erinnerungen nicht mehr im Griff, kannst nicht mehr zwischen dem was tatsächlich passiert ist und dem was du dir nur einbildest, unterscheiden. Worte wie Wirklichkeit und Realität verlieren ihren Sinn.
Die Erzählerin möchte sich schon im voraus dafür entschuldigen, wenn sie stellenweise etwas verwirrt klingen sollte, aber selbst jetzt im nachhinein sind ihr viele Abschnitte ihres eigenen Lebens noch nicht ganz klar.
Sie war 23 als ihr Freund bei einer humanitären Hilfsaktion im Jugoslawienkonflikt ums Leben kam. Sie hat Dinge gesehen, die niemand sehen sollte. Sie weiß nicht, daß ihre Anstrengungen, das Geschehene zu vergessen, die bösen Geister nur um so mehr heraufbeschwören.

Vor einem Jahr hat sie Milan kennengelernt, einen rastlosen Weltenbummler, der sich Hals über Kopf in sie verliebt, ohne zu wissen, wie es um sie steht. Sie kann seine Liebe nicht erwidern, wie sollte sie? Sie weiß selbst, daß sie in einer Nervenklinik besser aufgehoben wäre, als in der Realität.
Doch Milan gibt nicht so schnell auf, er nimmt sie mit auf eine Reise, die sie ablenken und vergessen lassen soll, statt dessen aber direkt in die Vergangenheit führt.

Viel zu spät erkennt sie, dass vielleicht gerade die Liebe zu diesem Mann ihr ein neues Leben ermöglichen könnte. Doch zu diesem Zeitpunkt hat Milan seine Zelte schon längst wieder abgebrochen und sich verabschiedet.
Auf sich allein gestellt hat sie nun die Wahl, in ihren vorherigen Zustand der Angstgefühle, Alpträume und Verwirrtheit zurückzukehren oder sich dem Leben zu stellen.

Anmerkung der Autorin:

Das erste Manuskript zu diesem Roman entstand in meinem 17. Lebensjahr, eigentlich aus dem Nichts heraus. Ich sass eines nachts vor dem Fernseher und gelangte beim Zappen zu einem osteuropäischen Spielfilm. Ich sah nur eine Szene davon. Ein grosses flaches Frachtschiff fährt einen Fluss hinunter. Es transportiert eine riesige Leninstatute aus Stein. Jemand hat ihr den Kopf abgeschlagen, der nun schief auf der Brust des Riesen liegt. Am Ufer steht ein junges Paar. Sie halten sich an der Hand.
Zehn Sekunden später hatte ich den Fernseher ausgeschaltet, einen Block auf meinen Knien und fing an zu schreiben.
Ich weiss nicht, was damals in meinem Kopf vorging, aber es entstand zumindest andeutungsweise das Anfangskapitel, so wie es jetzt auch noch existiert. Es sollte um Befreiung gehen, um Wandel.
Solche Dinge passierten mir damals oft. Normalerweise verstaubten diese Textteile dann in irgendeiner Schublade, aber dieses mal war es anders. Die Geschichte entspann sich wie von selbst, erzählte sich, ohne dass ich etwas dazu tun musste, nicht einmal überlegen war nötig. Jeder Satz führte zum nächsten. Milan bekam seinen Namen, weil ich zu diesem Zeitpunkt gerade eine Schallplatte von Milan Tesar (Gitarrist, Komponist) entdeckt hatte, die mir sehr gut gefiel.
An dem Inhalt und dem Aufbau der Geschicht hat sich seit damals so gut wie gar nichts geändert. Die Art und Weise, wie sie erzählt wird, dafür sehr.
Am Anfang spielte alles in einem fiktiven Land im Osten, in dem ein fiktiver Krieg stattfindet. Mit der Zeit hat sich aber doch ein grösserer Realitätsbezug herauskristalisiert und der Jugoslawienkrieg bot sich als Schauplatz an.
Dieser Roman hat sehr wenig mit den anderen Büchern, die ich schreib, zu tun. Er ist mehr eine Parabel und der Leser durchläuft zusammen mit den Hauptpersonen drei Phasen, von Delirium über Praeteritum hin zu Aeternitas (Ewigkeit).

Leseprobe:

Heute Morgen hat es geschneit. Die Welt um uns herum ist erstarrt. Alles ist weiß und eisig. So spät noch Schnee, das wird der Ernte nicht gut tun, denke ich automatisch, dabei gibt es hier weder Orangen- noch Olivenbäume die erfrieren könnten, so weit das Auge reicht nur Steine und Felsen.
Wir sind ziemlich hoch oben in den Bergen, können unseren Blick über ansteigende und abfallenden Höhenzüge hinweg schweifen lassen, bis uns am Horizont steinerne Riesen mit bläulich verschneiten Gipfeln die Sicht versperren. Draußen ist es kalt und still, heute mit der weiß überzogenen Landschaft noch stiller und einsamer als sonst.
Manchmal habe ich das Gefühl, wir wären die einzigen Menschen in 100 km Umgebung. Vielleicht sind wir das auch. Manchmal stelle ich mir vor, wir wären die letzten Überlebenden einer schrecklichen Katastrophe. Irgendwie ist das tröstlich. Aber dann stehe ich über Stunden hinweg allein am Fenster und schließlich erfasst mich eine unbeschreibliche Panik, von der ich nicht so genau weiß, wo sie herrührt.
Ich muss mir eingestehen, dass mich die Einsamkeit manchmal überfordert, aber was noch viel schlimmer und unerträglicher ist, ist die Stille. Die Stille ist das Schlimmste hier oben im Zwischenland. Grausam und erdrückend. Manchmal denke ich, dass ich sie nicht länger ertrage.
Und dann musste es heute Morgen auch noch schneien. Das hatte ich nicht erwartet. Das kam so überraschend.
Schnee macht mir Angst. Ich weiß nicht warum. Die weiße, glitzernde, kalte Landschaft löst eine gespannte Beklemmung in mir aus.
Wie lange habe ich schon keinen Schnee mehr gesehen? Dort wo ich jetzt lebe, schneit es nie.

Das Haus kommt mir vor wie ein Käfig. Ich bin unruhig und fühle mich eingesperrt, gleichzeitig bedroht von der Welt da draußen. Aber schließlich trete ich doch zitternd durch die Haustür, hinaus in die schneidende Luft. Ich muss wissen, was mit mir los ist, irgend etwas stimmt hier nicht.
Schnee ist gefährlich, ist verboten.
Die Steine unter der weißen Decke sind spiegelglatt. Ich gehe nur unsicher, versuche Halt zu finden, rutsche aber schließlich aus, falle auf die Knie und muss mich mit den Händen abstützen. Sofort dringen Kälte und Feuchtigkeit durch den Stoff meiner Hose. Eisige Kristalle brennen und stechen in die Haut meiner Finger.
Und da sehe ich sie plötzlich wieder vor meinen Augen, die stummen wandernden Gestalten. Sie sind dürr und ausgezehrt, nur leicht bekleidet, frieren, aufrecht gehen kann keiner von ihnen mehr. Der dicke Schnee unter ihren Füßen gleicht einer zähen eisigen Masse. Es hat gerade zu schneien begonnen, aber sie schleppen sich weiter, immer weiter, vorwärts, ohne an den nächsten Schritt zu denken, stumm und geisterhaft, während der Schnee fällt und fällt.
Ich kann diese Bilder unmöglich noch eine Sekunde länger ertragen!
Konzentriere dich auf deine wirkliche Umgebung!, schreit eine Stimme in meinem Kopf. Schnell, bevor es zu spät ist!
Es gelingt mir schließlich die Kälte wahrzunehmen, die immer stärker in meine Finger und durch den Stoff meiner Hose in meine Beine dringt.
Ich weiß, irgendetwas schreckliches wird passieren, wenn ich meine Hände nicht aus dem Schnee nehme. Die Schmerzen, die die kalte Feuchtigkeit verursacht, lassen mich keuchen. Es ist so still. Und die Bilder klopfen an die Tür, kratzen an meiner Hirnrinde, wollen hervor gelassen werden. Mein Kopf dröhnt. Wenn nur diese Stille vorbeiginge!

Ich knie da, bis Milan mich nach drinnen zerrt. Ich bin ihm so dankbar, dass ich weinen könnte, folge ihm stolpernd, taumelnd, ohne Gefühl in meinen Gliedern und in meiner Haut.
Milan ist so besorgt, dass er mich anschreit. Er hat mich noch nie angeschrien, ich habe ihn noch nie wütend gesehen. Aber es erschreckt mich nicht.
Er setzt mich auf die Holzbank, die um den steinernen Ofen läuft, legt seine Hände an mein Gesicht. Er muss fühlen, wie kalt es ist. Seine Hände sind so warm an meinen Wangen! Ich möchte mich hineinschmiegen wie ein kleines Tier, aber ich bleibe bewegungslos sitzen, könnte seine Finger selbst dann, wenn ich es wollte, nicht mit den meinen umfangen, denn sie sind steif gefroren. Verzweifelt schüttelt Milan den Kopf, nimmt meine eisigen Hände in die seinen und beginnt sie zu reiben. Die heftige Berührung schmerzt und ich entziehe sie ihm.
Es ist sowieso ein sinnloses Unterfangen. Sie werden nie wieder warm, Milan, mach dir keine Mühe.
Er sucht nach einer Decke und legt sie mir um die Schultern. Die grobe Wolle fühlt sich rau an, an meinem Hals und meinen Wangen, und im ersten Moment breitet sich ein Gefühl wohliger Wärme in meinem Körper aus. Ich schließe die Augen und kuschle mich tiefer in den dicken Stoff.
Doch dann beginnen meine Finger zu prickeln und schließlich zu schmerzen, als sich die feinen Adern unter der Haut wieder ausdehnen und mit Blut füllen. Milan zieht die Decke fester um meine Schultern, bevor er zum Herd geht um Wasser für Tee aufzusetzen, und ich bemerke, dass ich wahrscheinlich schon seit geraumer Zeit meine Wange an der rauen Wolle reibe. Das tut zwar auch weh, denn die Haut in meinem Gesicht ist wegen der Kälte schon seit Tagen aufgesprungen und rot, aber so ist der Schmerz in meinen Fingern leichter zu ertragen.
Ich reibe bis meine Wangen brennen und plötzlich kann ich das Gewicht der Decke auf meinen Schultern nicht mehr ertragen. Es behindert mich beim Atmen und zerquetscht meinen Brustkorb. Panik schießt in meinen Blutkreislauf. Ich will nicht ersticken!
Mit einer heftigen Bewegung, für die ich all meine Kraft aufbieten muss, schüttle ich die Wolldecke von meinen Schultern.
Mein Puls rast und mir ist etwas schwindlig, aber endlich kann ich wieder tief Luft holen.

Milan hat zwei Tassen vorbereitet. Sie sind weiß und die Schnüre der darin befindlichen Teebeutel hängen bis auf die gusseisernen Oberfläche des Herdes herab, auf dem das Wasser in einem offenen Topf schon zu sprudeln begonnen hat. Milan steht mit verschränkten Armen an die gegenüberliegende Wand gelehnt und gibt vor das Wasser im Auge zu behalten. In Wirklichkeit beobachtet er mich. Er sagt nichts, er hat sich seit seinem Ausbruch vorhin mit keinem Wort mehr an mich gewandt. Früher hat er mich immer wieder zur Vernunft gemahnt, aber ich glaube, jetzt hat auch er begriffen, dass das nichts nützt.
Ich schließe die Augen. In meinen Händen pocht noch immer das Blut, sie fühlen sich jetzt heiß und geschwollen an.
Die Polizeistation! flüstert etwas in mir. Erinnerst du dich? Die Leibesvisitation, damals. Es war so kalt. Erinnerst du dich?
Ich weiß es nicht!, antworte ich. Ich will mich nicht daran erinnern!, flehe ich.
Natürlich erinnerst du dich!, sagt die Stimme. Schließ die Augen und folge mir!
Ich habe das Bedürfnis mir die Ohren zuhalten, aber ich tue es nicht, weil ich weiß, dass es keinen Unterschied macht. Es ist eh schon zu spät.
Da war dieses seltsame Rumoren, die Geräusche, die aus den Eingeweiden des Gebäudes zu dringen schienen. Es war Nacht und stockfinster. Die Zelle musste ein kleines Fenster haben, aber ich konnte nicht einmal meine eigenen Hände erkennen. Und es war so kalt, der Morgen noch so fern, vielleicht würde es nie mehr Morgen werden. Die Angst hielt meinen Brustkorb fest umklammert und ich wagte es nicht, von der harten Pritsche aufzustehen, auf der ich saß, um das Innere der Zelle zu erkunden und mich etwas besser zurecht zu finden.
Und dann plötzlich der Klang von Kirchenglocken. Sie läuteten wie verrückt Sturm. Ihre Stimmen waren so eindringlich, so verzweifelt, dass sich noch jetzt bei der Erinnerung daran mein Herz vor Angst zusammenzieht. Danach Stille, vollkommene, gespenstische Stille, in der ich nur noch meinen eigenen Atem hörte und ein entferntes Rauschen in meinen Ohren.
Ich bin plötzlich so müde, die Hitze des Ofens in meinem Rücken ist kaum zu ertragen. Mein Gesicht glüht. Milan hat inzwischen Wasser in die Tassen gegossen, aber ich wehre ab, als er mir eine davon reichen will. Er stellt sie weg und fragt mich, ob ich mich hinlegen möchte.
Ich bin mit einer Gehirnhälfte im Land des Schreckens und nicke nur unkonzentriert.

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