(Roman)
Zusammenfassung:
Wer als Jugendlicher nie für einen seiner Lehrer geschwärmt hat, hebe die Hand. (Es dürfte nicht viele Meldungen geben. ) Und so mancher von uns mag sich irgendwann auch einmal Gedanken darüber gemacht haben, wie es wäre, jetzt, Jahre später, diesen Lehrer wiederzusehen. Nun, Nelly hat sich nicht nur Gedanken darüber gemacht, sie hat das ganze in die Tat umgesetzt. Es muß dazu gesagt werden, das Schicksal kam ihr zu Hilfe, aber das tut nichts zur Sache.
Agnes, – Nelly – , ist 28 und absolut unzufrieden mit ihrem Leben. Ihr Partner geht ihr auf die Nerven, ihr Job langweilt sie, ihre Geschwister und Freunde haben ihr Leben der Brutpflege verschrieben. Das kann nicht alles gewesen sein, denkt sie, das Leben muß doch noch mehr zu bieten haben! Und als sie eine Dozentenstelle in Barcelona angeboten bekommt, läßt sie alles liegen und stehen, kehrt dem kalten Deutschland den Rücken und taucht kopfüber ins noch viel unwirtlichere Spanien, mit dem festen Vorsatz soviel Männer und andere Rauschmittel zu konsumieren, wie nur irgend möglich.
Daß sie dort Tony, ihren ehemaligen Gitarrenlehrer, den sie als Jugendliche verehrte, wiedertrifft, war genau so wenig vorgesehen, wie alles was daraus folgt, aber die Geschwindigkeit, mit der die Ereignisse auf sie einstürmen, gibt ihr keine Zeit, groß über die Entscheidungen, die sie trifft nachzudenken.
Neben den amourösen Abenteuern, die nicht so üppig ausfallen, wie erhofft, findet sie eine alte Liebe wieder, die sie schon lange verloren glaubte, – die zur Musik und zur Gitarre
Im Sommer bietet ihr Tony an, ihn auf einer Tour durch Spanien zu begleiten. Sie werden verschiedene Kurse geben und Werbung für die von ihm gegründte Musikschule machen. Da das Trimester zu Ende ist und ihr Vertrag an der Uni ausläuft, stimmt sie zu. Doch wieder einmal kommt alles anders als erwartet. In Madrid lernt sie Julian, einen Freund Tonys, kennen, dem sie nicht widerstehen kann. Gleichzeitig muß sie erkennen, daß Tony ihr doch nicht so gleichgültig ist, wie sie zu glauben versucht war.
Zwei Männer auf einmal? Warum nicht, denkt sie. Leider vergißt sie dabei, daß die Welt sich nicht nur nach ihren Vorstellungen dreht und auch andere Personen, z.B. Tonys Frau, noch ein Wörtchen mitzureden haben.
Anmerkung der Autorin:
„Libra Sonatina“ ist vorerst nur der Arbeitstitel, denn obwohl er wie die Faust aufs Auge passt, dürfte ich ihn wohl nicht verwenden, da die Libra Sonatina ein Werk für Gitarre in drei Sätzen von Roland Dyens ist, das ausserdem eine ganz andere Thematik hat.
Leseprobe:
Der Tag ist regnerisch. Tony und Martin haben schon gefrühstückt. Eigentlich verspüre ich keine große Lust bei diesem Wetter Sightseeing zu machen, aber wenn ich schon mal die knappen 600 Kilometer gefahren bin, kann ich ja schlecht im Hotel sitzen bleiben. Alles ist feucht, nass und ungemütlich. Die Strandpromenade des kleinen Orts in den wir gefahren sind, wie leergefegt, der Strand grau, dreckig und mit Treibgut übersäht. Das Wasser des Meeres ist dunkel und aufgewühlt, klatscht in unfreundlichen Wellen auf den Sand. Tony und ich sind alleine unterwegs und das ist sicherlich besser so. Martin wäre das letzte was ich in dieser Stimmung ertragen könnte. Eigentlich wollte ich das Guggenheimmuseum sehen, aber das hat noch bis heute nachmittag Zeit. Die Geschäftsstraßen von Bilbaos Zentrum waren lebendig, aber hier draußen ist es ruhiger. Wir setzen uns in eine kleine Bar mit Blick auf das wütende Meer. Wir sind die einzigen Gäste. Das Holz der Stühle und Tische fühlt sich feucht an. Der Kellner bringt unsere Gläser und stellt eine kleine Schale Frutos Secos, Nüsse, Mais, Sonnenblumenkerne in unsere Mitte.
„Betrübt dich dieses Wetter nicht?“ frage ich Tony.
Er sieht mich an. Er scheint sehr gelöst heute. „Der Winter ist schlimmer hier als in Mitteleuropa, nicht?“ er lacht. „Man fühlt ihn in allen Knochen, ja.“ „Ich bin trotzdem gerne hier.“ sagt er. „Ich lebe nur deshalb nicht in Spanien, weil ich mein Projekt hier nicht so verwirklichen könnte wie ich wollte. Außerdem kann ich die Schule nicht für allzu lange Zeit alleine lassen und so lange man irgendwo nicht seinen permanenten Wohnsitz hat, ist der Ort immer aufregender als das zu Hause.“
Ich nicke, nachdenklich: „Das stimmt allerdings. Wüßte ich, daß ich in Barcelona bleiben müsste, würde ich das ganze lange nicht so locker sehen.“
„Das glaube ich allerdings.“ Tony grinst. „Dann würdest du jetzt hier sitzen und über die Mietpreise und die niedrigen Löhne stöhnen.“
„Du hast schon Recht, ich habe wirklich Glück im Moment. Und für ein paar Monate kann man auch mal in einer WG leben, dabei dachte ich diese Phase meines Lebens hätte ich mit meinem Studienabschluß überwunden.“
„Hat dir dein Studium Spaß gemacht?“ fragt Tony plötzlich.
Und ich kann nicht darauf antworten. Ist das nicht wie mit der Arbeit, selbst wenn man darin eine gewisse Erfüllung findet, ist es eben doch nur das, – Arbeit.
„Doch, es gab viele sehr interessante Aspekte. Ich konnte gut darauf aufbauen.“ antworte ich schließlich vage.
„War es anstrengend?“
„Nicht wirklich. Du weißt, Dinge zu verstehen, hat mir noch nie große Mühe bereitet. Und was man nicht weiß, kann man nachschlagen.“
„Das geht mit der Musik nicht.“ sagt er.
„Nein“, antworte ich und sehe aus dem Fenster, es hat wieder zu regnen begonnne.
Das Glas Coca Cola in meinen Fingern ist kalt. Ich hätte es ohne Eis bestellen sollen. Tony trägt Jeans und einen braunen Wollpullover, darunter ein Hemd, er hat sich zurückgelehnt.
„Wo wirst du heute abend spielen?“ frage ich ihn.
„Hast du Lust mitzukommen? Martin, hat dir eine Eintrittskarte zur Seite legen lassen.“
„Doch, ich glaube schon. Es ist lange her.“ sage ich dann.
„Ich bin nicht besser geworden.“ antwortet er. „Mit dem Alter neigt man dazu eitel zu werden und sich neuen Tendenzen, neuen Ideen zu verschließen. Das ist nicht gut, man stumpft ab.“
„Das kann ich mir nicht vorstellen.“ Ich muß lächeln.
Deine Hände, denke ich, deine Finger, Tony, sie berührten die Saiten so als wären diese feinste Spinnweben, mit genau dem richtigen Druck um ihnen diese vollen vibrierenden Töne die bis ins Knochenmark dringen zu entlocken. Dieser Gegensatz zwischen dem kräftigen Klang und der Leichtigkeit mit der du sie bewegtest, so als wäre dazu keine Kraft nötig, keine Konzentration. Tony Finger sind auch heute noch lang, wohlgeformt, mit schmalen exakt gefeilten Nägeln. Er hat Hände die keine Weichheit, keine Schwäche zulassen. Die starken Sehnen und Knöchel strahlen vollkommene Beherrschung aus, die Haut ist ebenmässig und gepflegt, dunkler als die hellen harten Nägel, die Fingerkuppen der linken Hand rund und fest, der tägliche Kontakt mit den Saiten hat sie geformt. Ich erinnere mich an diese Hände in allein Einzelheiten. An ihre trockene Wärme, den beherrschten Griff. Absolute Kontrolle jeder Bewegung. Mein Körper ist plötzlich schwer und heiß. Diese schmalen Handgelenke. Ich stelle mir vor sie zu berühren, eine Hand auf Tonys Hand zu legen, mit der er jetzt ein paar der Trockenfrüchte aus dem Schälchen holt.
„Was ist mit dir passiert in den vergangenen Jahren?“ fragt er. „Du bist so verändert, so ruhig, du warst schon immer undurchsichtig, aber jetzt lebst du in einer vollkommen anderen Welt.“
„Die Jahre gehen an niemandem vorüber. Ich habe sehr viele andere Dinge gesehen, sehr viele andere Dinge erlebt. Ich war ja noch ein Kind damals, das kannst du nicht vergleichen.“
„Ich mochte es wie du gespielt hast.“ sagt er und fischt noch ein paar Maiskörner aus dem sich nun leerenden Schälchen. „Du bist vollkommen in dem aufgegangen was du getan hast, es war als ob das Instrument dich in seinen Bann gezogen hätte. Du hattest sehr präzise Bewegungen, deine Finger waren gelenkig, in ihre Rolle vollkommen hineingewachsen. Du hast damit angefangen die Stücke zu modulieren, die Spannungsbögen und Zusammenhänge herauszuhören und anzudeuten, bevor ich dir überhaupt davon erzählt hatte. Wenige Schüler erfassen das auf Anhieb.“
Mein Kopf ist seltsam leer. Ich kann den Bann, den Tony bewußt oder unbewußt um mich aufbaut deutlich wahrnehmen, bin nicht fähig mich dagegen zu wehren. Alles was er sagt, scheint so wahr. Die Musik tritt irgendwo aus dem Hintergrund hervor. Da bin ich wieder, sagt sie. Weder anklagend noch vorwurfsvoll. Sie wartet.
Der kleine Saal ist gut besetzt und ich bin nervös. Irgendetwas in mir schwingt in einer hohen nervenaufreibenden Frequenz. Ich weiß, daß es bald reißen wird wenn ich so weitermache. Ich muß mich beruhigen. Ich schiebe mich an anderen Konzertbesuchern vorbei an meinen Platz. Die Stühle sind unbequem, das Programm, ein einfaches Blatt Papier, liegt auf meinen Knien, ich habe meine Jacke nicht ausgezogen, mich fröstelt. Die Menschen um mich unterhalten sich fröhlich und ungeniert. Ich fühle mich steif, fehl am Platz, fühle mich, als könnte in wenigen Minuten alles passieren. Versuche mich vor den Erinnerungen zu schützen, die in meinem Kopf herumsegeln und nur darauf warten mit irgendetwas zusammenzustoßen um dann aufzuplatzen. Gleichzeitig bin ich so gierig. Muß ihn spielen hören, jetzt und sofort! Muß jeden Ton auf meinen Lippen kosten, seine Bewegungen einatmen. Es ist nicht nur das Instrument das die Töne hervorbringt, sein ganzer Körper hat darauf Einfluß ob es gelingt. Das Licht wird heruntergedreht und es wird still. Ich stelle fest, daß ich das Blatt Papier mit beiden Händen halte. Er kommt auf die Bühne, trägt nur ein helles Hemd und eine dunkle Hose. Ich schließe mich dem Klatschen nicht an, fühle deutlich die Luft die ich atme, als er sich auf den einsamen Stuhl setzt, den Fuß auf das Hockerchen stellt und das Instrument auf seinen linken Oberschenkel legt. Es schmiegt sich wie von selbst an seinen Platz. Ich kenne diese Einsamkeit auf der Bühne, die Beklemmung. Doch die Hände kennen ihren Platz am Hals und über den Saiten, der Gedanke an den ersten Ton muß sich im ersten Ton materialisieren, es gibt keine Korrekturmöglichkeit. Ich beiße mir auf die Lippen, lausche mit angehaltenem Atem. Die Töne perlen und rollen in großen und kleinen Tropfen. Meine Augen kleben an dem Bild auf der Bühne, Sehen und Hören ist manchmal so schwer zu unterscheiden. Tony hat das Konzert mit der Libra Sonatina von Roland Dyens begonnen: India. Erst mit den Minuten die vergehen, merke ich, wie ruhig mein Atem geworden ist, wie sehr meine Umgebung von mir abgefallen ist. Erinnerungen und jetzt haben sich homogen und ohne zu stören oder zu reizen vermischt. Largo. Ich beobachte Tony, ich höre seiner Musik zu, ich könnte für immer hier sitzen bleiben. Eine wohltuende innere Ruhe. Ich liebe das Fuocu, den dritten Statz. Er ist wie das Blut das durch die Adern fließt, schnell, lebendig und fröhlich. Ich sehe kleine Schweißperlen auf Tonys Stirn als er endet. Ich friere noch immer. Er spielt La Catedral und ich halte den Atem an. Nach einem weiteren Stück eines südamerikanischen Komponisten dringen die ersten Noten des Decamerón Negro in den Raum. Ich habe den Programmzettel kein einziges Mal angeschaut, ich kann schon nachdem die ersten Töne erklungen sind, exakt sagen, um welches Stück es sich handelt. Das bereitet mir kein Kopfzerbrechen, ich kenne sie alle. La huida de los amantes por el valle de los ecos – Die Flucht der Liebenden durch das Tal der Echos. Ich schließe die Augen nicht, aber ich könnte sie genau so gut geschlossen halten. Ich sehe nichts, ich nehme nichts wahr, außer den Melodien, den Harmonien die sich formen. Ich blicke in eine Wunderwelt, die ich glaubte schon lange verloren zu haben. Als die Doncella enamorada, das verliebte Fräulein, ihre Ballade zu Ende gesungen hat, flammt das Licht im Saal wieder auf, die anderen Konzertbesucher klatschen und erheben sich schließlich schnatternd, die Stühle mit scharrenden Geräuschen zurückschiebend. Ich sitze immer noch wie vor ein paar Minuten, den Programmzettel in der Hand. Meine Haut ist klamm und die Feuchtigkeit meiner Finger hat das Papier am Rand etwas gewellt. Ich kann mich nicht dazu aufraffen aufzustehen. Der kleine Saal hat sich schnell geleert und von irgendwoher höre ich Martins Stimme. Schließlich erhebe ich mich benommen, möchte von niemandem in diesem Zustand gefunden werden.