(Roman)
Zusammenfassung:
Ursulas Leben läßt nichts zu wünschen übrig; sie ist in ihren besten Jahren, hat einen Beruf der ihr gefällt, Erich ihr Freund liebt sie und möchte sie heiraten, ihre beste Freundin Bettina steht ihr stets mit Rat und Tat zur Seite.
Doch dann lernt sie bei einem folgenschweren Autounfall den Spanier Agustín kennen und plötzlich ist nichts mehr so wie es war.
Agustín lebt zurückgezogen auf einem einsamen Hof, arbeitet als Übersetzer und scheint auf den ersten Blick keine weitere Gesellschaft als seine zwei Pferde zu benötigen, doch Ursula fühlt sich unweigerlich von ihm angezogen. Die zuerst rein sexuelle Beziehung, die Bettina zutreffend als Badewannenroman bezeichnet, gerät sehr schnell außer Kontrolle: Agustín legt eine Verbindlichkeit an den Tag, die sich alle Frauen von dem zukünftigen Vater ihrer Kinder wünschen, die Ursula aber skeptisch macht.
Erich ist nicht gewillt seine Verlobte einfach so einem anderen Mann zu überlassen.
Und Ursula? Ursula ist viel zu verliebt um sich Gedanken über die Zukunft zu machen. Erst als die Situation zwischen den Männern explodiert und beide ihre wahren Gesichter zeigen, wacht auch Ursula aus ihren Träumen auf. ?
Noch rechtzeitig um in die Wirklichkeit zurückkehren zu können?
Anmerkung der Autorin:
Dieser Roman entstand im Winter 2005/2006.Wir hatten endlich eine Wohnung mit Heizung gefunden und mussten keine Angst mehr vor den kalten Monaten haben. An einem Abend Ende November nahmen wir sie in Betrieb. Die Zeitschaltuhr war auf 6:30 in der Früh programmiert, auf dass es uns am nächsten Morgen leichter fallen würde, die Füsse unter der warmen Bettdecke hervorzuschieben .
In dieser Nacht träumte ich von einem Mann mit dunklen langen Haaren. Als ich aufwachte, hatte ich sein Bild noch deutlich vor Augen, auch wenn ich mich nicht mehr an den restlichen Inhalt des Traumes erinnern konnte.
Draussen war es noch stockdunkel und plötzlich begannen die Rohre zu rauschen, zu knistern und zu knacken, genau wie ich es aus meiner Kindheit kannte. Bald erfüllte wohlige Wärme das Schlafzimmer und ich fühlte mich wie im siebten Himmel. Es wäre mir nicht seltsam vorgekommen, draussen vor dem Fenster plötzlich dicke weisse Schneeflocken vorbeischweben zu sehen.
Die Erinnerungen an den deutschen Winter waren so stark, dass sie noch wochenlang ständig in meine Gedanken drängten, aber schon an jenem Morgen im Bett begann meine Fantasie eine Geschichte zu entspinnen, die den Mann mit den langen schwarzen Haaren und den Schnee verband. Die erste Szene stand fest, als ich wenige Minuten später aufstand und ich brauchte mich bloss noch an den Computer setzen und anfangen zu schreiben. Alles weitere entwickelte sich, wie so oft, ganz von selbst.
Leseprobe:
Ich denke daran Bettina anzurufen und ihr zu erzählen, was mir passiert ist, oder noch besser, ich frage sie ob sie mit mir Mittagessen geht, wenn sie nicht bei ihrer Familie ist.
Eine Stunde später sitze ich beim Italiener in ihrem Dorf an einem Tisch am Fenster und warte auf sie. Ich habe mich geduscht und umgezogen. Muß plötzlich wieder an Agustin denken, d.h. eigentlich denke ich schon die ganze Zeit an ihn. Ich fühle mich seltsam aufgedreht, wie ein frisch verliebter Teenager, und obwohl ich weiß, daß nichts draus werden kann, genieße ich es trotzdem. Danke Bettina!
Sie kommt zur Tür hereingesegelt. Bettina ist immer irgendwie spektakulär. Sie hat eine üppige blonde Lockenpracht und ist stets nach dem neuesten Schrei gekleidet. Einer der Kellner umflirrt sie sofort wie ein blinder Nachtfalter. Ich winke ihr zu und sie kommt zu mir an den Tisch, läßt sich aufseufzend auf den Stuhl mir gegenüber fallen.
„Was für ein Vormittag.“ Sie verdreht die Augen. „Meine große Schwester hatte mal wieder riesigen Krach mit meiner Mutter und danach ruft Mama natürlich immer mich an, in Tränen aufgelöst.“ Sie schüttelt den Kopf.
„Die mit den zwei Kindern?“ frage ich.
„Ja, du weißt schon, Waldorfschule, veganische Ernährung, und lauter so Scheiß. Die Kinder sind auch nicht ganz richtig im Kopf. Total indoktriniert. Dürr wie Skelette, klar, wenn sie kaum was anderes als rohes Obst und Gemüse zu essen bekommen. Ich bin jedes Mal geschockt, wenn sie mir auf Familientreffen von irgendwelchen heilenden Steinen und Hanfkleidung zu erzählen beginnen. Mein Gott, die beiden Kleinen sind nicht mal zehn Jahre alt!“
„Was zu weit geht, geht zu weit.“ Ich muß lachen. „Könntest sie ja mal mit einem Snickers und Pommes mit Ketchup und Mayo ködern, mal schaun, ob sie dann die Rohkost noch so toll finden.“
„Meine Schwester bringt mich um. Geschweige denn, daß sie ihre Sprößlinge der mißratenen Tante überlassen würde.“ Bettina schlägt die Speisekarte auf. „Man, hab ich einen Hunger.“
Wir bestellen Salat, Pasta und beide ein Glas italienischen Rotwein.
„Nach so einem Theater bin ich jedesmal überglücklich solchen Genüssen frönen zu können.“ Sie blinzelt mir zu.
„Frönt deine Schwester denn überhaupt irgendwelchen Genüssen?“ ich muß grinsen.
Bettina sieht mich schief an. „Ich weiß was du meinst, aber das werde ich dir jetzt nicht erzählen, wir sind hier schließlich nicht allein.“
„Kamasutra?“ flüstere ich.
Sie muß lachen. „Ich glaube nicht. Ihr Mann sieht aus, als ob er einen Stock verschluckt hätte, der würde sich dabei alle Knochen brechen.“
„Immerhin haben sie zwei Kinder gezeugt.“
„Na ja, das mit dem Zeugen ist ja nicht so schwer.“ Sagt Bettina.
Der Italiener, der den Salat bringt, sieht uns seltsam an.
„Allzu viel Sex dürften sie jedenfalls nicht haben,“ spricht sie weiter, als der Junge wieder weg ist. „Sie benutzen ja nur natürliche Verhütungsmethoden, also auch keine Kondome, denn das sieht ja weder der neue noch der alte Heilige Herr in Rom gerne.“
„Echt?!“ platze ich heraus. Das kann ich nun wirklich nicht glauben.
„Glaub mir ruhig.“ Bettina lacht sich über meinen Gesichtsausdruck halb kaputt und spießt eine Tomate auf. „Eine Gehirnverdrehung die Sonia nicht sofort aufschnappt, gibt es nicht.“
„Also mit dem was du mir bis jetzt erzählt hast, hätte ich sie eher als Buddhisten aber nicht als erzkatholisch eingeschätzt.“
Ich nehme einen Schluck Rotwein, der Alkohol breitet sich behaglich in meinem Körper aus. Fische eine Scheibe Mozarella, der bis zum Boden des Salattellers gerutscht ist, aus der Balsamicotunke. Erinnere mich urplötzlich an Agustin. Beim Essen bin ich nicht wählerisch, habe ich zu ihm gesagt. Weiß das gute aber durchaus zu schätzen, füge ich nun im Stillen hinzu. Ich habe mich gar nicht richtig bei ihm bedankt, denke ich dann, und habe plötzlich ein schlechtes Gewissen. Vielleicht sollte ich ihm irgendwann noch mal was vorbeibringen, eine Flasche Wein oder was auch immer.
„Also auch kein Sex vor der Ehe?“ sage ich zu Bettina.
„Urs!“ sie grinst. „Wie alt bist du?“
„Gerade deshalb! In meinen besten Jahren!“
Nächsten Samstag werde ich 29. Erichs Mutter hat letztens mal so eine Bemerkung gemacht, von wegen Heiraten und so, daß das doch so ein schönes Fest wäre. Ja … eigentlich wollte ich schon mal heiraten, Kinder und so, aber erst muß ich doch nach Ulm ziehen. Ich bin doch noch so jung. Und Erich? Wollte ich ihn wirklich heiraten? Ich schiebe den Gedanken beiseite. Aber das ist gar nicht so einfach. Agustin könnte ich mir sehr gut als Familienvater vorstellen. Ein paar wirbelnde Balgen in der gemütlichen Küche die Weihnachten Papiersterne an die Fenster kleben. Willst du wohl!
„Erichs Mutter will, daß wir heiraten.“ Erzähle ich Bettina um mich abzulenken.
Sie kneift die Augen zusammen. „Ich höre keine Freude aus deiner Stimme.“
Ich hebe die Schultern. „Erstens will niemand von der Schwiegermutter gefragt werden, zweitens…“ ich zögere. Denke ich das wirklich oder ist es nur eine seltsame Reaktion? Ich will Erich nicht heiraten! Jedenfalls nicht jetzt.
„Du willst Erich nicht heiraten.“ Spricht Bettina das aus, was ich denke. „Kann ich gut verstehen.“
„Ich dachte immer ich liebe Erich. Ich meine das tue ich auch, aber gleichzeitig habe ich immer das Gefühl, daß das nicht alles sein kann. Müßte man sich nicht irgendwie angekommen fühlen, zu Hause, bevor man so eine Entscheidung trifft? Warum konnte ich mich bis jetzt nicht dazu entscheiden mit ihm zusammen zu ziehen?“
„Du wolltest nach Ulm, wenn ich mich recht erinnere.“ Lacht Bettina.
Bettina war schon verheiratet. Mit 24, ganze zwei Jahre. Absolut zu jung, hatte sie mir gesagt, absolut zu dämlich.
„Nicht, daß es einen Unterschied machen würde verheiratet oder unverheiratet zusammenzuleben, jedenfalls auf der Gefühlsebene. Na ja, sollte es eigentlich nicht, aber ich fühlte mich verpflichtet und hatte ein unendlich schlechtes Gewissen, als ich mich scheiden lies. Fühlte mich gescheitert.“
„Das ist doch nur dieses dumme Moralverständnis das einem schon von klein auf von unserer Gesellschaft eingepflanzt wird.“ Versuchte ich sie zu trösten.
Jetzt war ich selbst in diese Mühlen geraten.
„Aber du wirst dir den Nachmittag jetzt nicht wegen dieser Geschichte versauen.“ Sagt Bettina und macht auf dem Tisch Platz für die Pasta. „Wenn du Erich wirklich heiraten willst, tust du das eines Tages, d.h. wenn er auch will. Ansonsten suchst du dir eben jemand anderen. Da draußen gibt es tausende Männer, die die liebsten Väter wären, man muß sie bloß finden.“
Wenn er auch will, denke ich. Habe ich mir da überhaupt schon mal Gedanken drüber gemacht? Erich scheint mit dem Leben das er im Moment führt ganz glücklich zu sein. Auch ganz glücklich ohne mich, wie es scheint. Ob da wohl doch eine andere ist?
„Ursula!“ ermahnt mich Bettina.
Ich nehme zum ersten Mal den Teller Ravioli der vor mir steht wahr.
„Glaubst du, daß mich Erich betrügt?“ sage ich wie nebenbei und kratze ein Stück Olive von einer Teigtasche.
Bettina legt ihre Gabel weg. „Na gut, du hast mich überzeugt, jetzt wird’s ernst.“ Sie lehnt sich leicht über den Tisch. „Du wirst mir jetzt alles haarklein erzählen.“
„Erich hat mich gestern schon wieder versetzt.“ Sage ich.
„Das hat dir doch früher auch nicht viel ausgemacht.“
„Ja, aber in letzter Zeit macht es mir was aus! Und ich kann einfach nicht mit ihm drüber reden. Jedes Mal, wenn ich es anspreche, spielt er die Sache sofort runter und zieht sie ins lächerliche. Und du weißt ja, wie viel Willenskraft ich ihm gegenüber habe.“
„Na endlich hast du’s auch bemerkt.“ Sagt Bettina. „Ich hätte mir das ja nicht so lang gefallen lassen. Aber was das Betrügen angeht, glaube ich nicht, daß du eine Kontrahentin hast. Der hängt einfach mit seinen Kumpels in irgendeiner Kneipe rum und säuft sich zu. Hast du das noch nie überprüft?“
„Also bitte! Ich werde ihm doch nicht nachspionieren. Wenn es mal soweit ist, sollte man eine Beziehung eh beenden.“
„Und, ist es noch nicht so weit?“ fragt Bettina.
Ich seufze. „Das Essen wird kalt.“
Die Ravioli sind gut und mir wird innerlich wieder warm. Agustin, denke ich, ich muß ihr von Agustin erzählen. Das liegt mir viel mehr auf dem Herzen, als die Sache mit Erich. Das Leben soll ja nicht nur ein Jammertal sein.
„Weißt du, das gestern hat mich nur so getroffen, weil ich, wenn es ganz schlimm gekommen wäre, heute tot sein könnte. Erich hätte nicht mal versucht mich zu finden.“
„Das verstehe ich jetzt nicht.“
„Ich hatte einen Unfall.“
„Wie? Wann? Gestern Abend?“
„Ja, auf der Landstraße. Es hat ja so stark geschneit und in einer Kurve bin ich in den Straßengraben geschlittert.“
„Dir ist aber nichts passiert?!“ Bettina ist erschreckt.
„Nein, ich bin noch vollkommen ganz. Aber stell dir nur mal vor. Ich hätte mich nicht aus dem Auto befreien können, man hätte mich heute Morgen als Eisklumpen gefunden und Erich würde es nicht mal bemerken, bis ihm das nächste Mal einfällt, daß ich ja auch noch da bin, oder daß er grad Lust auf einen kleinen Fick hat. – Sorry.“
Wir müssen beide lachen.
„So gesehen, ist er wohl tatsächlich kein Heiratskandidat.“ Grinst Bettina. „Wie bist du denn dann nach Hause gekommen? Und das Auto, ist das in Ordnung?“
„Nach Hause gekommen, bin ich vor zwei Stunden.“ Sage ich.
„Warum denn das? Du hast die Nacht aber nicht da draußen verbracht?! Oder?“
„Irgendwie schon.“ Ich muß plötzlich grinsen.
Bettina sieht mich mit zusammengekniffenen Augen an. „Los erzähl schon! Ich hab das Gefühl, das könnte spannend werden.“
Wir bestellen zwei weitere Gläser Rotwein, die Ravioli sind inzwischen halb kalt, aber es gibt schlimmeres.
„Oh shit, das hört sich so verdammt nach Badewannenroman an, daß ich gleich kotzen muß.“ lacht Bettina als ich geendet habe.
Na ja, so gesehen, ich verziehe das Gesicht.
„Sorry“, sie trinkt den letzten Schluck Wein. „Ich hab wohl ein paar zu viele davon gelesen.“
„Agustin heißt er also.“ Sagt sie schließlich. „Das könnte spanisch sein.“ Bettina ist Fremdsprachenkorrespondentin und hat irgendwann auch mal Spanisch gelernt, also muß ich ihr glauben.
„Und wie müßte der Roman dann also deiner Meinung nach ausgehen?“ frage ich.
„Na, er befreit dich von deinem jetzigen widerlichen Liebhaber, ihr verbringt eine Nacht mit wildem Sex und danach heiratet ihr und lebt glücklich und zufrieden bis an euer Lebensende.“
Ich muß lachen. „Hört sich doch gar nicht so schlecht an, setzt sich der wilde Sex denn nach der Heirat auch fort?“
„Das ist ja mal wieder typisch Ursula, du kannst auch nie genug bekommen. Darüber geben die meisten Romane leider keine Auskunft, aber es ist anzunehmen.“
Ich bestelle zwei Capuccino.
„Hör mit diesem dämlichen Grinsen auf!“ schimpft Bettina schließlich.
„Ach laß mir doch wenigstens meine Fantasie, du weißt so gut wie ich, daß ich Erich, jedenfalls vorerst nicht verlassen würde und ihn schon gar nicht betrügen könnte.“
„Das haben andere vor dir auch schon gesagt.“
„Bettina!“
„Deine Seele ist ungefähr so rein wie der Schnee da draußen auf dem Gehsteig, mach dir nichts vor.“ Sie rührt zwei Päckchen Zucker in ihren Kaffee.
„Na gut, ich mache mir nichts vor. Aber wer sagt denn, daß ich ihn jemals wiedersehen werde?“ Natürlich wirst du ihn wiedersehen, wolltest du dich nicht noch bei ihm bedanken? Ja aber… ach, das ist doch alles nur Unsinn, Spinnerei. Das Leben ist nun leider, oder vielleicht auch Gott sei Dank, kein Roman.